Leseproben aus "Emilia und Niklas – Wie hält man einen Bad Boy“ - Unlektoriertes Material




Prolog

Noah schlug mit der Faust gegen die abgeschlossene Tür. Er spürte die Fingerknöchel nicht mehr, die immer wieder auf das Holz donnerten. Seine Schmerzgrenze hatte er längst überschritten. Das Einzige, was ihn wirklich quälte, war die Leere in seinem Herzen, weil Marie ihn verlassen hatte. Noah versuchte, es mit Whisky und Bier zu füllen. Aber wie bei einem löchrigen Eimer floss der Alkohol wieder heraus.
»Mann, Noah«, hörte er Jacky. »Mach nicht so einen Krach!«, schimpfte sie und ließ ihn in die Kneipe herein.
»Wa … Warum … so lange … dauert«, lallte Noah und kniff die Augen zusammen. Sein von Kopfschmerz geschundenes Hirn war kaum in der Lage, in der verrauchten, stickigen Luft einen sinnvollen Satz zu sprechen.
»Wieso bist du nicht nach Hause gefahren?«, wollte Jacky wissen und sah Noah grinsend an. Sie stand dicht vor ihm, und ihr Blick wanderte von seinem Gesicht zu seinem Schritt. Frivol leckte sie sich über ihre rotgeschminkten Lippen. Noah konnte den Schnaps in ihrem Atem riechen, der gleiche Gestank wie aus seinem Mund, deshalb brauchte er ihn nicht zu schließen.
Früher wäre er nie in solch eine abgefuckte Kneipe gegangen, hätte nie mit diesem Weib herumgemacht.
Aber seit einigen Wochen stattete er der Frau regelmäßig einen Besuch ab, um sie zu benutzen, zu vergessen, dass er früher ein schönes Zuhause hatte, mit einer Ehefrau, einem sauberen Bett, einer heilen Welt. Nie hätte er Jacky in seine Nähe gelassen, weil sie eine heruntergekommene Schlampe war, die mit jedem Wichser vögelte, obwohl sie einen Mann hatte, aber der Kerl war nicht besser als sie, und Noah musste sich keine Gedanken machen. »Übernachtest du bei mir?«, fragte Jacky und deutete mit dem Kinn zu ihrer Wohnung hoch. »Eine kleine Party in meinem Bett, wie wär’s?«
Noah nickte. »Keine schlechte Idee«, antwortete er mechanisch. Sein Schwanz war hart und seine Hoden kribbelten, obwohl sein Herz nicht vor Verlangen pochte. Jacky war nicht Marie, aber Marie hatte ihn verlassen. Seine Frau würde er für Sex nicht benutzen, aber das Weib, das vor ihm stand, war nur ein Fick.
»Na, dann komm!«, sagte Jacky mit einem lasziven Augenaufschlag, zog Noah am Arm, und er stolperte mit.
Dass er wieder eine Frau treffen würde, die er über alles lieben könnte, hätte er in jener Nacht und auch den darauf folgenden Nächten nicht gedacht.

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Kapitel 1 - Emilia

Nach ihrer gemeinsamen Dusche schien Noah weiterhin ruhig zu bleiben, sodass sich auch Emilias Anspannung gelegt hatte. In der Küche hörte sie ihn hantieren, Kaffeeduft stieg ihr in die Nase. Sie ging in das Schlafzimmer und zog sich an. Ihr Blick wanderte zum Boden. Sein Handy lag dort nicht mehr; er musste es mitgenommen haben. Ob ich mit ihm über das Video noch einmal sprechen sollte?, überlegte sie. Linus ist nicht da. Wer weiß, wann wir das nächste Mal über die Sache reden können. Lee wird sich bald melden und gewiss Forderungen stellen.
Emilia schloss die Tür, ging zum Wohnzimmer und steuerte auf den Küchenbereich zu. Noah saß am Tisch, das Handy in der Hand. Er schaute nicht auf, als sie sich ihm näherte.
Bei seinem Anblick hatte Emilia das Gefühl, ein Kloß säße ihr im Hals. Sie schluckte schwer, als ihr bewusst wurde, dass seine Laune gekippt war. Mit düsterer Miene starrte er auf das Display.
Sie setzte sich zu ihm und sah ihn an, aber er ignorierte sie weiterhin. Obwohl sie sich unbehaglich fühlte, bemühte sie sich, einen neutralen Gesichtsausdruck beizubehalten.
Schweigend goss sie sich Kaffee ein und kippte noch einen großen Schwung Milch hinterher. »Noah.« Sie biss sich auf die Unterlippe. Ihre Stimme hörte sich nicht so sicher an, wie sie sollte. Er musste es heraushören, dass sie nervös war.
Er sah hoch. »Dieses verfickte Video!« Schnaubend zwickte er sich mit Daumen und Zeigefinger in die Nasenwurzel, bevor er fortfuhr: »Soll ich abwarten oder ihn anrufen? Was will das Arschloch von mir?« Er presste die Lippen zusammen, legte das Handy auf den Tisch und nahm seine Tasse in die Hand. Er trank einen Schluck. »Die ganze Zeit ahnte ich schon, dass es ihm nicht nur um die gebrochene Nase oder seinem Scheißrobby geht. Ich frage mich, ob ich falsch gehandelt habe?«
Emilia sah auf das Handy. Warum musste sie in der verhängnisvollen Nacht auch unbedingt mit Lee mitgehen? Der Mistkerl hätte jetzt kein Druckmittel gehabt. Das war Bullshit, was sie dachte, natürlich hatte es eine Option gegeben. Das waren seine Worte, nachdem er Noah auf den Hof gelockt hatte. Wenn nicht ich, wäre Melanie Lees Opfer gewesen. Noah hätte es niemals zugelassen, dass das Schwein Marcs Freundin verletzt. »Es gab für dich keine Wahl. Sonst hätten sie sich Melanie gegriffen«, versuchte sie, Noah zu besänftigen.
»Melli?« Er lachte hart auf. »Du denkst, sie ist so naiv wie du?« Kopfschüttelnd schloss er die Augen. »Nie wäre sie so dumm gewesen und hätte von einem fremden Kerl Champagner angenommen. Lee hätte sie nicht reinlegen können.« Noahs Kiefer mahlten, als er die Augen öffnete. Sein Blick war voller Wut.
Emilia trank hastig vom Kaffee. Sie verschluckte sich und hustete. Ich wusste es, jetzt kommt der Moment, dass er mir die Schuld für alles gibt. Was kann ich darauf antworten? Er hat ja recht. Ich war naiv gewesen, habe leichtsinnig den Champagner getrunken. Man lässt seine Drinks nicht unbeobachtet bei fremden Typen rumstehen. Das alles ist nur passiert, weil ich Noah eifersüchtig machen wollte. Darum mein Leichtsinn. Und er muss für meine Dummheit bezahlen.
»Noah … Ich …« Emilia spürte, wie ihre Lippen zitterten. Es tat ihr wahnsinnig leid, dass Noah das Erlebte nicht aus dem Kopf bekam und nun mit der Ungewissheit klarkommen musste, welche wahren Zwecke Lee mit dem Video verfolgte.
Noah leerte die Tasse, stellte sie auf den Tisch und angelte nach dem Handy. »Ich rufe Hannah an. Ich bin nicht in der Verfassung, Linus den glücklichen Vater vorzuspielen. Vielleicht kann er noch eine Nacht bei ihr schlafen.«
»W-wieso?« Emilia sah ihn unsicher an. »Was hast du vor?«
Noah kniff die Augen zusammen, warf mit einem zischenden Laut das Handy auf den Tisch und packte die Tasse. Sie zersplittert, als er sie voller Wucht gegen die Wand schleuderte. Emilia schrak zusammen. Es war Noahs zweiter Gewaltausbruch, den sie miterlebte. Ihr Körper bebte vor Angst, dass Kaffee auf ihren Handrücken schwappte. »Autsch, verdammt!«, zischte sie, aber Noah registrierte es nicht. Zitternd stellte sie die Tasse auf den Tisch und wischte sich die feuchten Finger an der Jeans ab.
»Es ist besser, ich verlasse das Haus. Was du machst, ist mir egal«, erklärte er.
»Du lässt mich allein?«, platzte es aus ihr heraus. Wollte er sie in seinem Haus sitzen lassen?
Das konnte er doch nicht machen? »Bleib hier, bitte!«
Noah stand auf, beugte sich über den Tisch und hob ihr Kinn. »Ich werde mich irgendwo besaufen, um wenigstens einige Stunden nicht mehr an den Scheiß zu denken.«
»Dich zu betrinken, kann nicht die Lösung sein.«
Er seufzte, sein Gesicht verlor etwas von der Härte. »Das weiß ich, und ich weiß auch, dass ich dir Unrecht tue, wenn ich den verfluchten Mist auf dich abwälze. Aber ich kann jetzt wirklich nicht bei dir bleiben, als ob alles okay ist … Denn nichts ist okay.« Eine steile Falte stand zwischen seinen Brauen, als er ihr Gesicht umfasste und ihr einen Kuss auf die Lippen drückte. Leicht strichen seine Daumen über ihre Wangen.
»Nein, es ist meine Schuld, aber ich will an deiner Seite sein, alles tun, dass das wieder in Ordnung kommt.«
»Da kommt nichts in Ordnung, nicht für mich.« Noah nahm die Hände von ihrem Gesicht und richtete sich auf. »Vielleicht solltest du die Zeit nutzen, wenn ich nicht da bin, um darüber nachzudenken, ob du nicht doch lieber deine Sachen packst und wir das mit uns lassen.« Noah sprach sehr leise, fast flüsterte er.
Emilias Herz schmerzte. Schwindel erfasste sie, und die Sorge um ihn schnürte ihr die Kehle zu. »Nein«, keuchte sie nach Luft ringend. »Nein, Noah, ich werde dich nicht verlassen. Ich habe so lange um dich gekämpft. Deshalb gebe ich dich nicht einfach auf. Das stehen wir zusammen durch, gleich, was Lee mit dem Video vorhat.« Hastig ruckte sie mit dem Stuhl nach hinten und sprang auf. Sie umrundete den Tisch, packte Noahs Hände und zog ihn zu sich. Ihre größte Angst war gewesen, dass er sie fortschicken würde, aber er tat es nicht, sondern überließ ihr die Entscheidung. Er wollte nicht, dass sie sich von ihm abwendete. Dass er Zeit für sich brauchte, war klar, aber nicht, um sich das Hirn mit Alkohol zu benebeln. Stattdessen mussten sie eine Strategie entwickeln, um Gegenmaßnahmen einzuleiten. »Willst du nicht lieber eine Runde joggen gehen, um den Kopf frei zu bekommen?«
»Ich soll Sport treiben? Wow, tolle Idee.« Sein unwirscher Ton gefiel Emilia nicht, aber sie versuchte, ihn trotzdem von seinem Vorhaben abzubringen. »Ich kann nur wiederholen: Dich zu besaufen, hilft jetzt wirklich nicht. Dadurch wird es nicht besser.«
»Die Entscheidung überlass mir. Wenn es dir nicht passt … Dann geh doch!«
Emilia sah ihn an, aber er mied ihren Blick, als er sich an ihr vorbeischob. Ohne noch etwas zu sagen, nahm er das Handy vom Tisch und ging zum Flur. Einige Sekunden später hörte sie die Haustür zuschlagen.
Eine Weile starrte sie auf die Kaffeespritzer an der Wand, dann stand sie auf und holte Handfeger und Müllschippe. Nachdem die Scherben im Abfalleimer gelandet waren, ging sie ins Wohnzimmer zum Fenster und sah zur Straße. Sie fuhr sich über das Gesicht und schüttelte den Kopf, als sie bemerkte, dass Noahs Volvo nicht mehr vor dem Haus parkte. Ein Bauchgefühl drängte sich auf. Sie durfte nicht tatenlos herumsitzen.
Herrgott, Noah. Ich kann das nicht zulassen. Wenn du dich lieber betrinken willst, sollte wenigstens Marc bei dir sein.
Nach langem Hin und Her hatten sie sich nun doch für eine Beziehung entschieden, trotzdem war es nicht sie, die ihm jetzt helfen konnte.
Emilia eilte in das Schlafzimmer. Sie suchte in ihrer Tasche nach dem Handy. Schnell scrollte sie die Kontakte herunter und tippte Arons Nummer an. Während sie das Handy ans Ohr presste, ertönte das Freizeichen.
»Emilia?«
»Aron, o Gott, bin ich froh, dich zu erreichen!«
Erleichtert atmete sie auf, krallte ihre Finger in den Saum ihres T-Shirts. »Aron, bitte rufe Marc an. Noah braucht ihn dringend als Freund.« Sie hoffte, er fing nicht an, lange Erklärungen hören zu wollen. Es ging nur darum, dass Aron sich kümmerte. Marc musste Noah finden und in seiner Nähe bleiben. Da war etwas Finsteres in Noahs Augen gewesen, das nichts Gutes bedeutete.
»Emmi, worum geht es? Was ist los?«
»Lee hat Noah ein Video geschickt. Es wurde gefilmt, wie sie ihn zusammengeschlagen hatten. Noah dreht gerade durch. Er ist abgehauen, um sich volllaufen zu lassen. Ich glaube aber nicht, dass es nur bei einer Sauferei bleibt.«
»Woher weißt du … Bist du bei Noah?«
»Aron, bitte, frag mich jetzt nicht darüber aus, sondern versuche, Marc zu erreichen. Noah braucht ihn, und ich weiß nicht, wo er hingefahren ist«, drängte sie und trat von einem Bein auf das andere. Sie versuchte, die Nervosität unter Kontrolle zu halten. Aus dem Handy vernahm sie Arons hektisches Atmen.
»Er ist mit dem Volvo unterwegs?«
»Scheiße, ja.«
Kurzes Schweigen, dann sagte Aron: »Okay, ich erledige das.«
»Danke dir. Ich bin hier bei Noah. Wenn ihr was wisst, meldest du dich.«
»Klar, Emmi, mach dir keine Sorgen.«
Ich muss geduldig sein und warten, dachte Emilia und schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Das war eine Katastrophe, die sich anbahnte. Aber obwohl sie nicht mehr tun konnte, als Aron anzurufen, ging es ihr nun ein wenig besser. Noah war nicht im Stande, mit der Sache rational umzugehen. Zwar mochte er mit ihr nicht darüber reden, aber vielleicht mit seinem besten Freund. Sie hatte von Anfang an den Eindruck, dass ein enges Vertrauen zwischen den beiden Männern herrschte, keiner tiefer in Noahs Seele blicken konnte als Marc.
Erschöpft sank sie auf das Bett. Das Handy legte sie neben sich. Mit den Fingerspitzen rieb sie über die Augen und merkte, dass sie wenigstens ein bisschen froh war, eine richtige Entscheidung getroffen zu haben. Hoffentlich konnte Marc Noah davon abhalten, sich mit Alkohol volllaufen zu lassen, bevor er noch andere Dummheiten anstellte.

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Kapitel 2 - Noah

»Ich halte das nicht mehr aus«, zischte Noah, nachdem er die Haustür zugeschlagen hatte und mit dem Autoschlüssel in der Hand auf den Volvo zusteuerte. Er wollte nur noch weg von Emilia, ihrem besorgten Blick; und aufgrund seiner eigenen Panik wegen des Videos. Das alles hatte ihm im Haus die Luft zum Atmen geraubt. Er steckte in einer Sackgasse und hatte keinen blassen Schimmer, wie er dort wieder herauskommen sollte. Er ahnte, was Lee von ihm verlangen würde. Nicht mehr lange, dann bekäme er die Forderungen von dem Wichser präsentiert.
Im Auto überlegte Noah, wohin er fahren sollte.
Zuerst muss ich Hannah anrufen. Scheiße, das alles ist so abgefuckt.
Noah kniff die Augen zusammen. Die Sonne am wolkenlosen Himmel blendete ihn. Er beugte sich zu der Konsole vor dem Beifahrersitz, öffnete sie und kramte zwischen Fahrzeug-Scheckheft und anderen Unterlagen. Keine Sonnenbrille. Mit einem verärgerten Brummen schlug er die Klappe zu. Seine Augen schweiften zum Haus.
Nein, es muss ohne Sonnenschutz gehen.
Nachdenklich rieb sich Noah das Kinn. Was wollte ich eigentlich jetzt machen? Ach ja, Hannah anrufen.
Er hob die Hüfte und zog das Handy aus der Hosentasche. Er wartete, dass sie ranging, nachdem er auf dem Display ihren Namen ausgewählt hatte. Es dauert, und er klemmt sich das Handy unter das Kinn. Hannahs Stimme auf der Mailbox sagte an, dass sie nicht erreichbar wäre. Er drehte den Zündschlüssel, startete den Wagen und lenkte ihn auf die Straße. Ein Auto hupte, Reifen quietschten. »Ja, Mann, reg dich ab!«, knurrte Noah und nahm das Handy auf, das wegen des Beinahe-Crashs auf den Sitz zwischen seine Schenkel gerutscht war. Er fluchte, weil er den Seitenblick vergessen hatte; und hätte der Passatfahrer keine Vollbremsung hingelegt, wäre es zum Unfall gekommen.
Endlich piepte das Aufnahmesignal.
»Du, Hannah, bitte hole Linus von der Kita ab und behalte ihn noch einen Tag bei dir. Ich habe einen wichtigen Termin«, log er und legte auf, ohne noch einen Gruß zu hinterlassen. Ein bisschen grummelte es in seinem Magen. Er hatte wegen Linus’ ein schlechtes Gewissen, aber ein Teil von ihm wusste, dass der Junge bei Hannah besser aufgehoben war.
Sein Blick schweifte zum Armaturenbrett vor dem Lenkrad. Die Tankanzeige leuchtete gelb. Auch das noch. Warum war es ihm nicht aufgefallen, als er mit Emilia nach Hause gefahren war? Wütend warf er das Handy in die Ablage zwischen den Sitzen.
Von Weitem sah er das blaue Schild der Tankstelle. Er verringerte das Tempo, fuhr die Auffahrt hinauf und hielt an der Zapfsäule. Zum Glück war nicht viel Betrieb, schnell schwang er sich aus dem Sitz und umrundete den Volvo. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er ohne Mantel unterwegs war, weil er plötzlich die Kälte wahrnahm. Gänsehaut zog sich über seine Arme. »Verflucht, ist das kalt«, murmelte er. Besser, er würde sich beeilen. Noahs Zähne klapperten, die eisige Januarluft biss in die Haut.
Nachdem der Tank gefüllt war, ging er mit langen Schritten zum Service. »Säule zwei«, rief er der Frau an der Kasse zu.
Kaum saß er wieder im Wagen, leuchtete das Display vom Handy. Hannah. Er konnte an ihrer Stimme hören, dass sie ihm den Termin nicht abnahm, aber fragte nicht weiter nach, sondern sagte, dass sie sich um Linus kümmern würde. Noah war dankbar; seine Schwester ließ ihn nie im Stich.
Noah umklammerte das Lenkrad. Sein Hirn arbeitete, es fiel ihm ein, wo er hinwollte. Er fuhr von der Tankstelle und bog nach rechts ab. Kleinere Häuser zogen an ihm vorbei. Die Gegend wirkte verschlafen, in Noahs Kopf herrschte dagegen Chaos wie bei einem zerstörerischen Wirbelsturm.
Dort. Er zog die Stirn zusammen und reckte den Kopf nach vorne. Er erkannte die Kneipe, wo er oft gesessen hatte, wenn es ihm beschissen ging, damals, als ihn Marie verlassen hatte.
Nachdem der Volvo geparkt war, stopfte er das Handy zurück in die Jeans und stieg aus. Er betrachtete die blinden Scheiben, spürte den Druck in der Brust, der ihn zum Haus zog. Aus dieser Kneipe war er früher meist sturzbetrunken herausgewankt. Das würde heute nicht anders sein.
Mit den Armen vor der Brust verschränkt, rieb er mit den Händen die vor Kälte prickelnde Haut und lief los.
Schnell zog er die Holztür auf und trat ein. Die Kneipe war fast leer. In einer Ecke saßen zwei Männer, die sich unterhielten. Zwei halbgefüllte Biergläser standen vor ihnen auf dem Tisch. Es roch nach abgestandenen Rauch, der Laden wirkte schmuddelig. Hier lässt es sich hemmungslos saufen, dachte Noah.
»Das gibt’s doch nicht. Noah?« Der Wirt knallte die Hand auf den Tresen. »Mann, dich nach so vielen Jahren in meiner Hopfenstube begrüßen zu dürfen. Wie lange ist das her, sechs Jahre?«
»So ungefähr, Harry. Grüß dich!«, erwiderte Noah und hievte seinen Hintern auf den hohen Hocker. Mit einem stinkenden Lappen rubbelte der Wirt klebrige Reste vom Tresen.
Boah, ist das eklig. Der graue Fetzen muss ja Monate auf dem Buckel haben. Noah verzog das Gesicht, und Harry blickte zu ihm und lachte. »Was willst du trinken, Kumpel?« Er nahm ein Bierglas, hielt es schräg unter den Zapfhahn. Das Bier lief langsam die Wandung entlang. »Ein Helles und einen Whisky?«
»Wie früher«, antwortete Noah. Er beobachtete den Wirt, der das Glas füllte. Harry hatte in den vergangenen Jahren am Bauch zugelegt, sonst hatte er sich nicht verändert.
»Jacky hat dich auf einem Plakat erkannt.«
Noah stöhnte. »Red nicht über deine Frau.«
»Schon gut. Aber sie erzählte, du hast Erfolg mit deinem Club.« Er zwinkerte, setzte die Schaumkrone auf das Bier und schob einen Pappdeckel vor Noah. »Wohl bekommt’s!«, sagte er, stellte dabei das Glas auf den Untersetzer.
»Der Whisky!« Noah nahm einen großen Schluck und deutete mit dem Glas zu den Flaschen. »Hast du einen guten Schottischen?« Harry wandte sich dem Regal zu. »Vielleicht.« Er überlegte, zeigte schließlich auf eine schlanke Flasche. »Ich könnte dir diesen Scotch anbieten. Der ist gar nicht mal übel.« Noah brummte unwillig, aber nickte. »Okay, aber lass den Eiswürfel weg, und die Flasche kann bei mir stehen bleiben.«
Grinsend goss Harry den Scotch ins Glas. Noah leerte es mit einem Zug. Angewidert kniff er die Augen zusammen. Fuck, was ist das für ein billiges Zeug? Die hellbraune Flüssigkeit schmeckte nicht nur abartig, sie brannte grässlich im Hals, aber das war Noah egal, und so füllte er sich selbst nach.
»Ich bin ein guter Zuhörer, falls du reden magst«, bot der Wirt an. Er musterte Noah, während er sich mit der flachen Hand über die Glatze rieb.
»Ich will in Ruhe hier sitzen und trinken. Wenn ich reden will, gehe ich nicht in eine Kneipe.« Noah kippte den zweiten Whisky hinterher. Mit gerunzelter Stirn drehte er das Glas in der Hand. »Zapf noch ein Bier!«
»Früher warst du gesprächiger.« Harry seufzte. »Aber ich will mich nicht aufdrängeln.«
»Besser ist’s«, murmelte Noah. Emilias Gesicht tauchte vor ihm auf. Zum Teufel, ich liebe sie so sehr. Noah stöhnte auf. Er durfte nicht an sie denken und schenkte sich ein drittes Glas ein. Gequält schloss er die Augen, trank und spürte das schärfer werdende Brennen in seiner Kehle.

Die Tür klappte. Ein kühler Windzug brachte frische Luft in den miefigen Raum. Jemand war in die Kneipe gekommen. Noah nahm das Geräusch nur aus der Ferne wahr. »Harry, ich will Bier!«, lallte er. Seine Hand zitterte, als er versuchte, sich Whisky einzugießen. Er kniff die Augen zusammen, das Glas schwankte auf dem Tresen. Als er die Flasche abgestellt hatte und nach dem Glas griff, stand es in einer Pfütze.
Scheiß drauf! Salute!
Er führte das Glas an die Lippen und legte den Kopf in den Nacken, während er den Whisky herunterkippte. Noah verzog das Gesicht und rülpste. Holy Shit, bin ich besoffen, durchfuhr es ihm.
Langsam drehte er den Oberkörper der Gestalt zu, die in die Kneipe gekommen war. Er spürte eine Hand auf seiner Schulter. »Also hierher hast du dich verkrochen«, hörte er eine bekannte Stimme.
»Marc?« Noah blinzelte.
»Ja, ich. Aron hat mich angerufen. Emilia macht sich Sorgen um dich.«
»Und woher weißt du, dass ich hier bin?«
»Weil du damals immer hier warst, als es dir wegen Marie schlecht ging.« Marc klopfte Noah auf den Rücken. »Komm, zahl die Rechnung und ich bringe dich nach Hause.«
»Nach Hause?«, blaffte Noah. »Mann, verpiss dich. Ich will nicht nach Hause!« Dass sein Freund ihn gefunden hatte, ärgerte ihn. Warum konnte Emilia nicht ihren Mund halten, sondern verpetzte ihn bei Aron und Marc? Er wollte nicht nach Hause, weil ihn dort die Realität einholen würde. Hier saß er wie in einem Kokon, konnte sein Hirn vernebeln und das Video für ein paar Stunden vergessen.
»Verfällst du wieder in alte Muster?«, fragte Marc verärgert.
»Meine Fresse, tu ich nicht.«
»Jetzt mal im Ernst, Alter, dich zu besaufen, ändert nichts an der Sache mit Lee.«
Perplex starrte Noah in Marcs Gesicht. »Verdammt noch mal, was hat Emilia euch alles erzählt?«
»Dass Lee dir ein Video geschickt hat und du nun vor Panik durchdrehst.«
»Ich schiebe keine Panik!« Wütend funkelte Noah seinen Freund an.
Ohne noch weiter auf ihn einzugehen, winkte Marc den Wirt heran. »Was bekommst du?«, erkundigte er sich bei ihm, ohne auf Noahs Faust zu achten, die wütend auf den Tresen schlug. Die Gläser und die fast leere Flasche vor ihm wackelten aufgrund der Erschütterung. »Steck dein beschissenes Geld weg! Ich zahle, wann mir danach ist«, schimpfte Noah. Schwankend klammerte er sich mit einer Hand an der Kante des Tresens, während er seinen Freund den Finger in die Brust stieß. »Und du verpiss dich! Ich will es nicht noch einmal sagen.«
Mit unbewegter Miene zog Marc seine Brieftasche hervor und nestelte einen Hunderter heraus, den er auf den Tresen warf. »Genug gesoffen. Ich nehme dich mit.« Er steckte die Brieftasche in die Jeans zurück, schlang den Arm um Noahs Taille und versuchte, ihn vom Hocker zu ziehen.
»Lass das, du Arsch!«, reagierte Noah stur und schlug den lästigen Arm von seinem Körper. »Ich entscheide, wann ich genug habe!«
»Hör auf, dich wie ein bockiges Kind zu benehmen! Es reicht mir langsam!«, wurde Marc laut. Er packte ihn erneut am Arm und zerrte ihn vom Sitz. Doch Noah wehrte sich, schlug ungelenk nach Marc. Der sprang beiseite, als der Hocker kippte. Ein dumpfer Aufschlag, begleitet von einem Poltern. Mit der Stirn war Noah auf die Kante des Tresens aufgeschlagen und stürzte zu Boden.
Mit schmerzverzerrter Miene wälzte er sich vor Marcs Füßen hin und her. Au Backe, das gibt hässliche blaue Flecke. Mühsam rappelte sich Noah auf die Knie. Das Blut rann warm über seine linke Wange, tropfte vom Kinn auf das T-Shirt.
Auch das noch, verfluchte Scheiße!
Mit der flachen Hand wischte Noah es sich aus dem Gesicht. Ihm war schwindlig. Wieso kann Marc mich nicht in Ruhe lassen? Jetzt blute ich wie ein angestochenes Schwein, erregte er sich. Er blickte blinzelnd hoch, sah zu Marc, dessen Gesicht unter der noch leichten Karibikbräune blass geworden war. Der Freund starrte mit aufgerissenen Augen zu ihm herunter. »Sorry, das … Noah, das tut mir leid … Ehrlich!«, stammelte er.
Ein unwilliges Schnauben war zu hören. Nun mischte sich Harry ein. »Ihr beiden hört auf, mir Stress zu machen«, bellte er hinter dem Tresen. Er wandte sich an Marc und zeigte mit dem ausgestreckten Arm zu einen Tisch in der Mitte der Kneipe. »Hilf Noah auf und setze ihn dort auf den Stuhl. Ich hole Wasser, ein sauberes Tuch und Pflaster.«
Einer der Typen aus der Ecke meldeten sich. »Hey, Harry, bei dir vorne alles klar?«, rief er und schwenkte sein leeres Glas in der Luft.
»Jaja«, der Wirt winkte ab. »Ihr bekommt später noch zwei Bier gezapft.«
»Und zwei Schnäpse«, forderte der Typ.
Der Wirt hob den Daumen. »Sollt ihr haben.« Dann trat er hinter dem Tresen hervor und beugte sich zu Noah »Wir helfen dir mal hoch.«
Noah gab einen unwirschen Laut von sich. Abweisend wedelte er mit der Hand. »Fasst mich bloß nicht an!« Er bemühte sich, allein auf die Füße zu kommen, aber schaffte es in seinem betrunkenen Zustand nicht, stattdessen fiel er auf die Seite. Das wird jetzt echt peinlich, dachte er und verfluchte innerlich Emilia und Aron, dass sie sich eingemischt hatten und er vor Marc wie ein Vollidiot auf dem versifften Holzboden lag. Die Kneipe war einfach nur ekelerregend. Und Noah wurde übel. Wenn er hier unten noch länger liegen blieb, würde sein Magen dafür sorgen, dass er das Gemisch aus Bier und Whisky auf den Dielen kotzte. Bei der Vorstellung konnte er sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen. Was für eine stinkende Sauerei das wäre, die Harry schön selbst wegwischen müsste. Wer weiß, welche besoffenen Typen hier schon ihren Mageninhalt hinterlassen hatten.
Igitt, verficktes Kopfkino.
Noah hielt die Faust vor dem Mund, als ein saurer Geschmack hochkam. Er konnte nur mit einer Menge Willenskraft, den Drang zu kotzen, unterdrücken.
Noah runzelte die Stirn. Egal wie mies es ihm jetzt ging, er musste irgendwie auf die Füße kommen. Er drückte die Arme durch, versuchte, sich hochzustemmen, aber seine Boots verloren immer wieder den Halt, sodass er ausrutschte und auf den Rücken landete.
Ausgestreckt blieb er liegen und schielte mit zusammengepressten Lippen zu Marc.
Der Freund stand stumm neben ihm und fuhr sich durchs dunkle Haar. Seine braunen Augen schauten besorgt zu Noah. »Harry hat recht. Du entspannst dich mal und ich helfe dir beim Aufstehen. Die Platzwunde auf deiner Stirn muss versorgt werden.« Marc lächelte.
Warum grinst er so blöd? In Noahs Kopf arbeitete es, aber irgendwie konfus. Er konnte Marcs Gesichtsausdruck nicht deuten, dafür war zu viel Alkohol in seinem Blut.
Macht sich Marc über mich lustig, weil ich wie ein bekloppter Käfer auf dem Rücken liege und nicht ohne Hilfe aufstehen kann?
»Guck nicht so dämlich! Ich brauche weder dich, Emilia noch sonst wen. Hau endlich ab!«,
herrschte Noah Marc von unten an. Um der Aufforderung mehr Ausdruck zu verleihen, versuchte er, nach ihm zu treten, aber Noahs Beine stießen unkoordiniert ins Leere.
Als Marc sich zu ihm hockte und ihn an den Handgelenken packte, ballte Noah die Fäuste und schlug nach ihm. Sein Schwinger streifte kaum Marcs Brust, stattdessen haute er sich selbst eine rein. »Autsch!« Noah rieb sich die Wange.
»Jetzt ist aber Schluss!«, herrschte Marc ihn lautstark an. »Lass das Kasperletheater! Muss ich dir echt einen Knockout verpassen, damit wir dich auf einen Stuhl setzen können, um die Platzwunde zu behandeln?« Eine Zornesfalte hatte sich zwischen Marcs Brauen gebildet.
»Fick dich!«, zischte Noah und spukte aus, aber statt den Freund zu treffen, blieb der zähe Speichel an seinem Mundwinkel hängen.
Noch bevor Noah eine weitere Dummheit machen konnte, sah er eine Faust auf sich zukommen, die auf sein Kinn donnerte. Schlagartig war alles schwarz. Irgendjemand befahl: »Pack du ihn an den Beinen!« Dann bekam er nichts mehr mit.

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Kapitel 3 - Emilia

Gierig trank Emilia das Wasser. Das trockene Gefühl im Mund wollte einfach nicht verschwinden, und auch der Schmerz in ihrer Brust stach unerbittlich weiter.
Seit Stunden war Noah verschwunden, und sie wartete in der Küche, wartete und wartete, dass Aron sich endlich meldete. Zumindest hatte er eine Stunde nach ihrem Anruf eine SMS geschickt, dass er nun endlich Marc erreicht hätte und der sich auf die Suche nach Noah begeben würde. Marc ahnte wohl, wohin Noah geflüchtet war, das hatte noch in der SMS gestanden.
Emilias Hände krallten sich um das Glas. An irgendwas musste sie sich klammern, was ihr wenigsten ein bisschen das Gefühl von Halt gab.
Ein schwerer Seufzer entwich ihr aus dem Mund. Noah hatte sich zu ihr bekannt, aber nun war wieder alles ungewiss, auch wenn er ihr das direkt nicht gesagt hatte, bevor er aus dem Haus gestürzt war. Aber da war noch mehr als das Video, mit dem er sich auseinanderzusetzen hatte. Und das, was sie noch vor ihm verheimlichte, würde ihn verdammt hart treffen. Sie brauchte sich nichts vormachen. Sie musste ihm bald gestehen, dass sie Ende März Berlin verlassen würde, um in Hamburg den Masterstudiengang anzutreten. Ob er diesen Umstand akzeptieren könnte? Wäre er bereit, eine Fernbeziehung von anderthalb Jahren Dauer zu führen?
Noah hatte gesagt, dass er sie liebte, und sie liebte ihn.
Reichte das, um die Beziehung aufrechtzuerhalten?
Emilia rief sich ins Gedächtnis zurück, dass ihre Entscheidung, die Uni zu wechseln, gefallen war, als er sie knallhart abserviert hatte.
Woher hätte sie wissen sollen, dass er sie wieder zurückwollte? Emilia biss sich nachdenklich in die Innenseite der Wange. Versuche ich gerade, Gründe zu finden, um meinen Entschluss zu rechtfertigen?
Sie zuckte die Schultern. Es war gleich, weil es nichts daran änderte, dass sie sich hilflos fühlte.
Emilias stellte das Glas in die Spüle, verharrte einen Moment, dann wandte sie sich dem Tisch zu. Sie schob den Stuhl zurück und setzte sich.
Es war still im Haus, zu still. Diese Ruhe machte sie noch verrückt, weil sich die Zeit wie Gummi langzog.
Ihr Blick fiel auf das Handy, das auf dem Tisch lag. Sie hatte Angst, Arons Anruf zu verpassen, also schleppte sie es überall mit hin. Sogar auf dem Klo hatte sie es bei, wenn die Blase drückte. Vom vielen Wasser musste sie ständig pinkeln.
Dieser trockene Mund …
Emilia stand auf, nahm das Glas aus der Spüle und füllte sich Leitungswasser hinein. Ihr Hals war wie taub, als es klar und kalt durch die Kehle rann.
Es klingelte an der Tür.
Noah?
Das Glas klirrte in der Spüle. Es war ihr aus der Hand gerutscht. Sie rannte in den Flur und riss die Haustür auf.
Aron stand draußen. Seine Miene war ernst. Emilia hielt vor Aufregung die Luft kurz an. »Was ist los?«, keuchte sie.
»Lass mich zuerst reinkommen«, sagte Aron sanft, schob Emilia beiseite und trat ein. Unerbittlich wummerte ihr Herz gegen die Brust, als sie die Tür schloss.
»Wir setzten uns am besten, bevor ich dir sage, was los ist.«
Emilia schluckte. »Okay.«
Hoffentlich hat Noah keinen Scheiß gebaut, dachte sie und führte Aron ins Wohnzimmer. Er ließ sich auf die Couch fallen, Emilia setzte sich neben ihn und sah ihm unsicher ins Gesicht. »Er ist hackevoll. Marc hat ihn tatsächlich in der Kneipe gefunden, wo Noah sich früher öfters betrank, als das mit Marie passiert war … Ich meine die Trennung von ihr.«
»Und was machen wir jetzt?« Emilia war erleichtert, dass Noah keinen Mist gebaut hatte, auch weil Marc bei ihm war. Trotzdem tat es weh, dass Noah einen Ort aus seiner Vergangenheit gewählt hatte, um mit dem Schmerz und der Angst umzugehen, statt bei ihr zu bleiben.
Lächelnd streckte Aron die Hand nach Emilias Arm, fuhr mit den Fingern an ihm auf und ab, als ahnte er, welche Gedanken sich in ihrem Kopf breitmachten.
»Emmi. Er ist dorthin gefahren, weil er in seinem Zustand nicht die falschen Gesichter treffen will. Denk nur an die Nachbarn oder Stammgäste aus dem Club würden ihn sehen …« Aron hielt einen Augenblick inne, bevor er fortfuhr: »Marc sagt, der Laden ist echt abgefuckt. Er hat mich zu dir geschickt, damit du ein paar Sachen für Noah zusammenpackst und in die Kneipe bringst.«
»Wieso … Ich …«, stammelte Emilia. Sie rang um Worte, weil sie nicht verstand, warum Marc Noah nicht zu ihr nach Hause gebracht hatte. »Ich kann mich doch um ihn kümmern. Warum soll ich für Noah Sachen packen?«
»Weil er sich in einer Scheißverfassung befindet. Es ist besser, Noah bleibt noch ein oder zwei Tage bei Marc, bis er sich einigermaßen gefangen hat. Marc wollte, dass du mitkommst, damit wir Noah von seiner Idee überzeugen können, und er meinte, da wäre wohl noch was zu besprechen.«
Emilia nickte. Sie würde mit Linus allein sein, darüber wollte Marc vermutlich mit ihr reden. »Gut.« Sie holte tief Luft. »Ich bin einverstanden.«
»Da ist noch was.« Aron zeigte ein betretenes Gesicht und seufzte. »Noah hat sich verletzt und … Nun ja, er war nicht sehr umgänglich, dass Marc ihn mit einem Hieb niederstrecken musste.«
»Er hat ihn … echt k. o. geschlagen?«
»Kennst doch Noahs Dickschädel.« Aron verzog den Mund zu einem entschuldigenden Lächeln.
Und ob sie Noahs Starrsinn kannte … Viel zu gut schon.
Emilia stand kopfschüttelnd auf und deutete mit der Hand zum Flur. »Ich gehe jetzt am besten ins Schlafzimmer, Tasche packen.«
»Brauchst du Hilfe?«
Einen Moment überlegte sie. »Such du im Bad mal alles zusammen, was Noah benötigen wird, also Duschgel, Zahnbürste und so.«
Aron grinste spitzbübisch. »Welche Zahnbürste gehört ihm?«
Emilia zwinkerte. Was Aron wohl dachte, dass sie schon länger hier wohnte? Wahrscheinlich versuchte er eher, sie ein bisschen aufzuziehen, um die Anspannung abzubauen. »Da steht nur seine und die von Linus. Die Dunkelblaue gehört Noah. Ich bin erst heute bei ihm eingezogen.«
»Ach so.« Mehr sagte Aron nicht, als sie das Wohnzimmer verließen. Wenn es zeitlich passte, würde Emilia ihm alles erzählen. Zum Glück war Aron nicht übermäßig neugierig.
Während er im Bad damit beschäftigt war, die Körperhygieneartikel zusammenzusammeln, packte Emilia bequeme Klamotten in eine Sporttasche.
Im Flur fiel ihr Noahs Mantel auf. In ihrer Aufregung hatte sie ihn vorher nicht hängen sehen. Im Winter ist er nur im T-Shirt unterwegs? Wo sind seine Gedanken?
Emilia nahm den Mantel vom Haken und legte ihn über den Arm, dann griff sich den Ersatzschlüssel aus dem kleinen oberen Fach des Schuhschranks.
Aron nahm ihr die Tasche ab und ging zum Golf vor, während Emilia die Haustür verschloss. Auf der Fahrt zur Kneipe sprachen sie kaum ein Wort miteinander. Emilia schossen unangenehme Gedanken durch den Kopf, über sich, Noah, ihre Beziehung und wie es nun weitergehen würde. Ab und zu blickte sie zu Aron. Der sah geradeaus, lenkte mit angespannter Miene den Wagen. Er schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen.

Sie befanden sich in einem Stadtteil, der Emilia fremd war. Arons Gesichtsausdruck zeigte ebenso deutlich, dass er sich hier nicht auskannte. Emilia war froh, hier nicht allein zu sein. Aron zeigte auf die Lokalität mit dem Namen Hopfenstube.
Gott, das klingt schon wie eine billige Kneipe, sinnierte Emilia.
Zielgerichtet steuerten sie auf das Haus mit dem abgeblätterten Putz zu. Durch die großen, blinden Scheiben konnte man nicht viel sehen. Aron ließ Emilia den Vortritt.
Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, standen sie einen Moment nebeneinander und sahen sich um.
Die Kneipe war fast leer. Es roch widerlich nach Bier, kaltem Eintopf und abgestandener Luft, dass Emilia ein Naserümpfen nicht unterdrücken konnte. Ihr Hals wurde wie bei einer zugezogenen Schlinge eng.
Hierher war Noah geflüchtet? Kaum zu glauben.
Mit der Schulter stupste Aron Emilia an und zeigte Richtung Raummitte. »Schau, dort sitzen sie.« Er umfasste Emilias Ellenbogen, während sie auf den Tisch zusteuerten.
Noah kauerte auf dem Stuhl, den Rücken ihnen zugewandt.
Marc saß zu ihm geneigt und redete auf ihn ein. Als er sie bemerkte, hob er den Kopf. »Hallo Emilia, gut, dass du gekommen bist … Hi, Aron.«
Noah drehte ihnen das Gesicht zu. Sein Anblick versetzte Emilia einen Schlag in die Magengrube. Sie war darauf vorbereitet, dass es um sein Aussehen nicht gut bestellt war, nichtsdestotrotz war sie bei dem Gebotenen schockiert. Eine Platzwunde klaffte über Noahs linken Augenbraue, die zum größten Teil provisorisch mit einem Pflaster bedeckt war. Das Kinn war angeschwollen, und sie erkannte rechts einen Bluterguss. Emilia vermutete, dass dort Marcs Faust gelandet war, als er Noah den Knockout verpasst hatte.
Aus geröteten, glasigen Augen sah Noah sie an; das blonde Haar hing strähnig herunter. Er vermittelte den Eindruck, nicht mehr klar denken zu können, und er stank, als ob er in ein Schnapsfass gefallen war.
»Ah, du bist es, Emmi. Kannst mir einen Whisky holen«, lallte er. Als sie ihn entsetzt anstarrte, winkte er mit einem genervt klingenden Knurren ab. »Ach lass, hau lieber ab. Das ist kein Ort für dich.« Er verschränkte die Arme auf den Tisch und ließ seitlich den Kopf darauf fallen. »Mir ist schlecht«, stöhnte er.
Um etwas zu sagen, öffnete Emilia den Mund, doch Marc schüttelte den Kopf. »Er ist nicht mehr zurechnungsfähig.«
»Er sieht so was von Kacke aus«, murmelte Aron und zog stirnrunzelnd zischend die Luft zwischen den Zähnen ein.
Emilia stellte sich dicht neben Noah. Sie hob den Arm, um ihm über den Rücken zu streichen. Obwohl er kurz zuckte, nahm sie ihre Hand nicht weg, sondern fuhr mit den Fingern seine Wirbelsäule auf und ab.
»Wie viel hat er getrunken?«, wollte sie wissen. Als Marc nicht gleich antwortete, wiederholte sie energisch ihre Frage: »Wie viel?«
»Eine Menge« erwiderte Marc und schnaubte ein Lachen hervor. »Drei Bier und eine Flasche irgendeinen billigen Fusel. Bezahlt habe ich schon.«
»Das hat er alles in sich reingekippt?« Emilia war fassungslos.
Marc hob die Schultern und deutete mit dem Kinn zum Tresen. »Sagt jedenfalls der Wirt.« »Dieses verdammte Video.« Kopfschüttelnd sah sie mit sorgenvollem Blick auf Noah herab, der regungslos auf dem Stuhl hing. Seine Lippen waren leicht geöffnet, Speichel rann aus dem Mundwinkel, die Augen hielt er geschlossen. Es hatte den Anschein, dass er eingeschlafen war. Bei der Menge Alkohol nicht verwunderlich, befand Emilia. »Es ist an der Zeit … Wir verfrachten Noah in mein Auto. Ich nehme ihn mit zu mir, bis er wieder klar denken kann«, schlug Marc vor, wobei er sehr entschlossen klang, ein Widerspruch für ihn nicht in Frage kam. Er erhob sich und nickte Aron zu, damit er ihm half, Noah hochzuhieven, um ihn aus der Kneipe zu schaffen.
Emilia zog die Hand von Noah weg und zwang sich zu einem Lächeln. »Das ist eine gute Lösung.«
»Die einzige Lösung«, korrigierte Marc. »Er kann in diesem Zustand nicht nach Hause.« Vor allem wegen Linus, aber das weißt du selbst, ergänzten seine Augen, dabei war sein Blick durchdringend, und Emilia nickte zustimmend, signalisierte ihm, dass sie verstand. »Ich fahre euch mit Noahs Auto hinterher.«
Marc und Aron stellten sich links und rechts neben Noah, der schlief und leise schnarchte. Sie beugten sich zu ihm und packten ihn an den Armen. Der Stuhl ratsche nach hinten, kippte um und polterte auf den Boden, als sie Noah vom Tisch wegzogen und hochhievten. Sie keuchten auf, als sie je einen Arm unter Noahs Schultern schoben. »Scheiße, macht er sich schwer«, krächzte Aron.
»Wie ein Zementsack«, presste Marc hervor.
Als sie loshumpeln wollten, kam Leben in Noah. Er blinzelte, sah sich verwirrt um. Seine trüben Augen schweiften zu Emilia. »Was wird das? Ich will was trinken – Harry … Harry, einen Scotch!« Wut brach aus ihm heraus, als ihm zu dämmern schien, dass er aus der Kneipe geschleppt werden sollte. »Verfickte Scheiße … Harry, S–scotch!«, wiederholte er unwirsch und sackte mit Absicht nach unten, dass seine Boots auf den Dielen schleiften. »Mann, Noah, reiß dich zusammen und lauf mit«, herrschte Marc ihn an. »Du hast genug getrunken, jetzt geht’s ins Bett zum Ausnüchtern.«
»Hast du ’ne Macke, du Arsch? Ich will nicht in ein ver… verficktes Bett«, schnauzte Noah. Unbeholfen versuchte er, sich aus den Armen zu winden und trat mit dem Absatz in Richtung Marcs Spann, den er verfehlte. Doch Marc und Aron hielten ihn fest in ihrer Mitte. Noahs Widerstand blieb zwecklos.
Flehend schaute er nun zu Emilia und schenkte ihre ein kleines Lächeln. »Baby, magst du wenigstens mit mir noch was trinken, ohne die beiden nervenden Wichser?« Er sprach langsam, und Emilia hatte den Eindruck, er versuchte, das grässliche Lallen zu unterdrücken, jedoch ohne Erfolg.
»Nein, Noah, es reicht wirklich«, sagte sie leise.
Noah tat ihr schrecklich leid, und sein hilfloser Blick schmerzte, aber sie musste hart bleiben. Ihr Lächeln, dass sie ihm schenkte, war gequält. Das zweite Mal hatte er Baby zu ihr gesagt. Unter der Dusche hatte der Kosename ihr ein erregendes Kribbeln beschert, weil Noah damit ausdrückte, dass er sie als seine Freundin ansah. Aber jetzt war eine andere Situation, da durfte das Wort bei ihr nicht ziehen. Sie wusste, dass er sich gerade entmündigt fühlte, aber weil er nicht mehr Herr seiner Sinne war, mussten sie ihn auf diese Art behandeln.
Da sie nicht so reagierte, wie Noah sich erhoffte, verfinsterte sich sein Gesicht. »Dann scheiß drauf, trinken wir nichts!« Er schüttelte sich, kämpfte gegen die Umklammerung. »Ihr könnt mich loslassen, ich kann allein gehen!«
»Denkst du?« Marc zog mit kritischer Miene eine Braue hoch.
»Klar, Mann«, zischte Noah und richtete sich auf.
Misstrauisch musterte Marc seinen Freund; so ganz traute er ihm wohl nicht. Daraufhin wurde Noah nun noch wütender. »Behandelt mich nicht wie einen Idioten!«, herrschte er ihn an. Marc presste die Lippen zusammen, dann schaute er fragend zu Emilia. Sie nickte zustimmend, denn Noah schien so weit klar im Kopf zu sein, dass er es allein zum Auto schaffen würde.
Für einen Moment hielten sie inne.
Marc schüttelte den Kopf. »Okay, okay, dann geh allein«, bestimmte er und nickte Aron zu. Sie ließen Noah los, der ihnen einen verachtenden Blick zuwarf. An Emilia schob er sich vorbei, ohne sie zu beachten.
»Tschüss, Harry!«, rief er dem Wirt zu. »Ich komme bald wieder vorbei.«
»Machs gut, bis zum nächsten Mal«, antwortete dieser.
Emilia rollte mit den Augen und sah Noah hinterher, wie er durch den Raum torkelte und sich gegen die Tür lehnte.
»Bloß nicht provozieren lassen«, flüsterte Marc, als er ihr die Hand an den Rücken legte und sie zum Ausgang der Kneipe führte.
Draußen streckte Marc die Hand aus. »Autoschlüssel!«
Noah kramte in der Hosentasche und fischte nach dem Schlüssel.
»Vorsicht!«, rief Emilia, als das Handy herausrutschte. Sie wollte nach ihm greifen, aber es fiel zu Boden.
Noah drückte Marc den Autoschlüssel in die Hand und bückte sich. Dabei stolperte er gegen Emilia, schlang einen Arm um ihre Beine und hob das Handy auf. »Nichts passiert« nuschelte er, drückte ihr noch grinsend einen Kuss auf den Schenkel, bevor er sich aufrichtete. »Meine kleine Retterin.«
»Das kannst du wohl laut sagen«, mischte sich Marc ein. Er reichte Emilia den Schlüssel und klopfte Noah auf die Schulter. »Deine Retterin wird uns mit dem Volvo hinterherfahren.«
Nachdem Aron die Sporttasche und Noahs Mantel in den Kofferraum des Volvos gepackt hatte, bedankten und verabschiedeten sich Emilia und Marc. Danach begab sich jeder zu seinem Auto. Noah hob schlaff in Arons Richtung die Hand und folgte Marc wankend zum BMW.
Emilia öffnete die Fahrerseite des Volvos und setzte sich hinein. Sie wartete, bis der Motor vom BMW ertönte und Marc sich in den Verkehr eingeordnet hatte, dann startete sie den Motor und folgte ihm.
Die Fahrt über hörte sie Musik, um sich abzulenken, aber die Gedanken kreisten trotzdem nur um Noah.
An Marcs Haus angekommen, parkte sie hinter dem BMW. Während Marc mit Noah im Haus verschwand, nahm sie die Tasche und den Mantel aus dem Kofferraum. Als sie mit den Sachen den Männern hinterhergehen wollte, kam Marc bereits zurück.
»Noah ist auf die Couch gefallen und sofort eingepennt«, sagte er. Emilia nickte und reichte ihm die Sachen. Im Gegenzug übergab er ihr die Fahrzeugpapiere. »Oh, die hätte ich glatt vergessen.« Mit kleinem Lächeln nahm sie das lederne Ausweisetui entgegen. Es war ein seltsames Gefühl, Noah bei seinem Freund zu lassen und ohne ihn zurückzufahren. Es ist besser so, bestärkte sie sich.
Marc stellte die Tasche auf den Boden. Mit freundlicher Miene betrachtete er sie. »Ich war überrascht, als ich von Aron erfuhr, dass Noah und du es wohl doch miteinander versuchen wollt, abgesehen von dem Umstand, dass Lee dieses Video geschickt hat.« Sein Tonfall klang besorgt. »Wenn Noah nicht mehr neben der Spur ist und ich mit ihm über den ganzen Mist gesprochen habe, kommt er nach Hause. Bis dahin kümmerst du dich bitte um Linus. Hast du die Nummer von Hannah?«
Emilia nickte. »Wenn Noah ausgenüchtert ist, wird er mir die Hölle heiß machen, dass ich euch um Hilfe gebeten habe«, seufzte sie.
»Wie ich schon in der Kneipe sagte, das war die einzige richtige Entscheidung. Und ich bin verdammt froh, dass du dich an mich und Aron gewandt hast. Ich kenne Noah, er wird schlussendlich erleichtert sein, dass du dich so entschieden hattest.«
»Trotzdem.« Emilia atmete geräuschvoll aus. Dampf bildete ihr Atem, und sie rieb sich die Hände. Langsam spürte sie die Kälte an diesem Tag.
»Fahr schnell nach Hause, nicht dass du dich erkältest.« Bevor er die Tasche nahm, strich er Emilia über die Schulter.
Sie blieb noch unschlüssig stehen. Sie hätte zu gern Noah mitgenommen, nur ging es in seinem Zustand nicht. Der Einzige, der ihm jetzt helfen konnte, war Marc. »Emilia, steige endlich ein!«, drängelte der und scheuchte sie mit einem leichten Schubs zum Auto.
»Fahr vorsichtig«, rief er ihr zu, als sie einstieg, dann ging er zum Haus zurück.
Emilia umklammerte das Lenkrad und atmete tief durch. Sie war noch zu angespannt, um mit ihren Ängsten allein in Noahs Haus sitzen zu wollen.
Ich muss zu Jannick fahren, er ist der Einzige, der mir Ruhe geben kann, sagte sie sich und holte das Handy hervor. Sie betrachtete ihre Fingernägel. Während sie darauf wartete, dass er ranging, verlangsamte sich ihr Herzschlag und sie wurde ruhiger.
Sie hörte Jannicks Stimme, der ihren Namen auf seinem Display gesehen haben musste, weil er sie sofort begrüßte.
»Hi, kann ich vorbeikommen?«
»Sicher, Emmi, ist was passiert?«, fragte er behutsam.
»Nicht am Handy, ich bin bald bei dir«, sagte Emilia, verabschiedete sich schnell und fuhr los.
Knapp eine dreiviertel Stunde später war sie bei ihm angekommen.

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Kapitel 4 - Noah

Eine bekannte Stimme dröhnte an Noahs Ohr. »Na, nun los, Alter, falls du weiter pennen willst … Ich habe dir das Bett im Gästezimmer bezogen und die Tasche mit den sauberen Klamotten reingestellt.«
Marc rüttelte Noah an der Schulter, damit er endlich zu sich kam. Noah tastete nach der Hand, versuchte, sie wie ein lästiges Insekt von sich zu schieben. »Hör auf, mich zu betatschen und hier rumzuschreien«, grollte er, zog die Stirn in Falten und blinzelte. Aber als das Tageslicht seine Augen traf, kniff er sie aufstöhnend sofort wieder zusammen.
Himmelherrgott, warum ist es so fucking hell?
Nach zwei weiteren Anläufen behielt er die Augen offen.
Noah erkannte Marc, der kopfschüttelnd neben ihm stand und dabei die Hände in die Hüften stemmte. Mit strenger Miene sah er zu Noah herab.
»Hey, was ist nun, deinen Rausch ausgeschlafen?«
Müde rieb sich Noah das Gesicht und schaute zu seinem Freund hoch. Erst durch Marcs unsanftes Rütteln war er aufgewacht.
Wo bin ich hier?
Sein Blick schweifte durch das Zimmer und blieb in Marcs Gesicht hängen. »Was mache ich bei dir?«
Shit … Die verfickte Kneipe!
Noah wollte nicht darüber nachdenken. Er wollte sich absolut nicht an die letzten Stunden erinnern. Und er wollte auch nicht wissen, wie er hierher gekommen war.
Doch leider verschwand der Nebel aus seinem Hirn und er konnte sich wieder vorstellen, was passiert war.
Nach einem Streit mit Emilia war er von zu Hause abgehauen und in der versifften Hopfenstube abgestürzt – aber auch so was von abstürzte.
Heilige Scheiße!
Noahs Kehle war trocken. »Ich brauche Wasser«, murmelte er. Zum ganzen Übel hämmerte ein grässlicher Kopfschmerz hinter seinen Schläfen und im Magen verspürte er ein flaues Gefühl, verbunden mit einem lauten Knurren. Noah kam sich wie nach einem Marathonlauf vor, völlig ausgelaugt. Jeder Muskel tat weh und die Klamotten stanken nach Rauch und Alkohol, klebten an seiner Haut, als ob er heftig geschwitzt hätte.
Stöhnend quälte sich Noah von der Couch, schob sich an Marc vorbei und schwankte aus dem Zimmer. Mit weit aufgerissenen Mund gähnend, dabei die Brust kratzend, schlurfte er zur Küche.
Aus dem Hängeschrank nahm er ein Glas, begab sich zum Spülbecken und füllte es mit Leitungswasser. Er trank einen Schluck und sah sich um. Seit Melanie und Marc eine Beziehung führten, war das Haus penibel aufgeräumt.
Früher herrschte hier Chaos.
Marc war ein Fastfoodjunkie gewesen, und überall stapelten sich Aluschalen, Plastikbehälter und Pizzakartons. Der Freund hatte einen Staubsauger besessen, der jedoch defekt war, Spülmittel befanden sich damals im Schrank, waren aber unbenutzt und völlig eingestaubt geblieben.
Noah musste an die Wasserpfeife denken, die immer auf dem Wohnzimmertisch stand. Wo war das Ding mittlerweile abgeblieben?
Vor ungefähr zwei Monaten rauchten sie das letzte Mal Shisha, danach hatte Noah sie nicht mehr zu Gesicht bekommen.
Eigentlich war es mal wieder an der Zeit, sie zu benutzen. Aber wenn er darüber nachdachte, würde er doch lieber nach Hause fahren: zu Emilia.
O Mann, ich vermisse sie.
Hastig leerte Noah das Glas, stellte es auf den Küchenblock und zog das Handy aus der Hosentasche, um sie anzurufen.
Ob sie sauer war, weil er sich in der Kneipe wie ein Arsch aufgeführt hatte?
»Du hast jetzt aber nicht vor, Emilia anzurufen, damit sie dich abholt?«, ertönte prompt Marcs scharfe Stimme. Sein Freund war ihm in die Küche gefolgt, ohne dass Noah es bemerkt hatte. »Zuerst nüchterst du aus, bekommst den Kopf klar und wir reden über die Sache mit Lee. Du musst herausfinden, was er will, damit wir uns darauf einstellen können, geeignete Gegenmaßnahmen ergreifen. Okay?«
Nickend steckte Noah das Handy zurück. Betreten blickte er zu Marc, während er sich mit den Händen durchs Haar fuhr. Achselzuckend seufzte er. »Klingt vernünftig.«
Marc trat dicht an Noah heran, neigte den Kopf und hielt die Nase an seinen Hals. Mit angewiderter Miene zog er die Mundwinkel nach unten. »Statt dir Gedanken über Emilia zu machen, solltest du lieber duschen gehen«, schlug er vor. »Kumpel, du miefst wie ein Iltis.« Noah hob den Arm und schnupperte unter der Achsel.
Boah! Er verspürte selbst Ekel. Der penetrante Geruch war kaum zu ertragen. »Hast recht, wäre echt nicht verkehrt. Und du suchst in der Zwischenzeit deine Wasserpfeife.«
»Meine Wasserpfeife?« Mark sah ihn verwundert an.
»Ja, mir ist danach.« Für einen Augenblick hielt Noah inne. Er runzelte nachdenklich die Stirn. »Hast du denn noch genügend Kohle und Shisha Tabak?«
Mit einem Schmunzeln im Gesicht überlegte Marc. Der Vorschlag schien ihm zu gefallen. »Tabak hab ich noch, aber kaum Kohle, müsste noch nachgekauft werden. Könnte ich aber machen.«
Die Antwort stimmte Noah zufrieden. Eine Shisha rauchen, das Blubbern des Wassers in der Bowl hören, würde ihn hoffentlich entspannen. »Und wenn du schon unterwegs bist, hol noch was vom Türken oder Inder. Ich habe einen Mordshunger auf was Fettiges.«
»Keine schlechte Idee. Der Kühlschrank ist so gut wie leer. Zwei Bier habe ich noch.«
»Nur zwei Bier, wieso das denn? Kümmert sich Melli nicht immer um deine gesunde Ernährung?«, fragte Noah mit spöttischem Tonfall.
Marc verdrehte die Augen, konnte sich aber ein verlegenes Lächeln nicht verkneifen. »Ja, schon. Aber bevor ich zur Kneipe gefahren bin, hatte ich sie angerufen, dass sie die nächsten zwei Tage nicht herkommen soll, weil du hier wohnen wirst. Also wie damals, als ich für ein paar Monate zu dir gezogen war.«
Noah lachte kopfschüttelnd. »O Mann, unserer vorübergehende Männer-WG … Wenn ich daran noch denke.«
»Ja, das war eine verrückte Zeit mit uns.« Marc zwinkerte.
Beide erinnerten sich, dass sie damals keine Vorzeigeexemplare für beziehungswillige Kandidatinnen gewesen waren. So manche Frau wäre geflüchtet, wenn sie Noahs Wohnung betreten hätte.
Marc hatte für einige Monate bei ihm gewohnt, weil es Noah nach der Trennung von Marie dreckig ging und er mit sich und der Welt fertig war. Erfolglos hatte er versucht, seinen Kummer mit Alkohol wegzuschwemmen. Marc war Noahs Rettung, was aber nicht bedeutete, dass sie sich wie zwei anständige Hausmänner benahmen. Beide waren zu faul gewesen, in der Wohnung auch nur einen Finger krumm zu machen. Dementsprechend sah es dort aus: ein einziges Tohuwabohu.
Im Gegensatz zu heute.
Nachdem die Scheidung durch war, und Noah sich gefangen hatte, kaufte sich Marc ein Haus. Mittlerweile waren beide Hausbesitzer und Reinigungsfanatiker geworden. Noah empfand es als wichtig, Linus ein Zuhause zum Wohlfühlen zu bieten, Marc wiederum wollte keinen Stress mit Melanie haben, die viel Wert auf Sauberkeit und Ordnung legte.
Irgendwann hatten sie genug alten Erinnerungen nachgehangen. Marc verließ das Haus und Noah nutzte die Zeit, um sich unter heißem Wasser gründlich abzuseifen.
Nachdem die Einkäufe erledigt waren, Noah sich wieder halbwegs wie ein Mensch fühlte – frisch riechend und in bequemen Sachen –, saßen sie über Stunden zusammen auf der Couch, rauchten Wasserpfeife, redeten und aßen.
Noah hatte Marc schlussendlich das Video gezeigt. Er nahm sich vor, sich mit Lee in Verbindung zu setzen. Er musste endlich wissen, was der Wichser von ihm wollte. Es machte keinen Sinn, sich noch länger von der Ungewissheit quälen zu lassen.

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Wunschkapitel Teil 1 - Abgestimmt auf Snipsl

Das ist das Wunschkapitel, über das ihr mehrheitlich abgestimmt habt.

Was will der Drogendealer Lee von Noah?

»Lee sitzt mit dem anderen Dreckschwein bei Paul an der Bar. Ich wollte ihn erst nicht reinlassen, aber er meinte, ihr seid verabredet«, raunte Aron Noah ins Ohr, als er seinen Chefs die Eingangstür zum Club öffnete. Noah blickte sich noch einmal um. Er liebte den Anblick der vielen Leute, die alle in seinen Laden wollten. Die Schlange zog sich die gesamte Straße entlang, und Noah erfüllte Stolz, wenn er daran dachte, wie viel Kraft sie in den Aufbau des Clubs gesteckt hatten.
»Hey«, rief Marc und berührte Noahs Schulter. »Wir müssen rein.«
»Klar, Mann.« Noah gab sich einen Ruck und folgte seinem Freund.
Musik dröhnte aus den Boxen und Licht flackerte überall, als sie auf die Bar zusteuerten.
Noah entdeckte Lee und Robby. Wie harmlose Gäste saßen sie auf den hohen Hockern an der Bar und tranken Bier. Unter anderen Umständen hätte Noah sie links und rechts im Nacken gepackt und aus den Laden gezerrt.
»Ah, Noah«, rief Lee ihm grinsend zu. »Und absolut pünktlich.« Er blickte mit gespitzten Lippen auf die Uhr.
Dein beschissenes Grinsen prügle ich dir noch aus der Visage, dämlicher Hurensohn, dachte Noah, aber bemühte sich, seine Wut nicht nach außen dringen zu lassen.
»Natürlich«, sagte er und sah zu Robby. Der rutschte nervös auf seinen Sitz hin und her, und Noah versuchte, ihn mit der gleichen gespielten Ruhe zu mustern.
»Dein Geschäftspartner sollte sich um andere Dinge kümmern, wenn wir miteinander reden«, sagte Lee.
Noah atmete tief durch, bevor er antwortete: »Und dein Cousin sollte seinen Arsch zur Tanzfläche bewegen, wenn wir uns über das Video austauschen.«
»Kannst du Forderungen stellen?« Lees Grinsen wurde breiter, und Noah ballte seine Hände an den Seiten zu Fäusten. Statt zu reden, würde Noah den Mistkerl lieber vom Hocker zerren, um ihm ein zweites Mal die Nase zu brechen.
Paul kam auf Noah und Marc zu und deutete mit einem Kopfnicken zu den gefüllten Regalen hinter sich. »Hi, wollt ihr was trinken?«
»Nein, kümmere dich um die anderen Gäste, Paul«, wimmelte Marc den Barkeeper ab. Der verstand den Wink, ging zu zwei Männern auf der anderen Seite des Tresens und nahm deren Bestellung entgegen.
»Genug hier rumgehangen, lass uns das Geschäftliche besprechen.«
Geschäftliche? Was soll der Quatsch? Das ist hier eine beschissene Erpressung. Noah ging das Ganze wahnsinnig gegen den Strich, dass Lee ihn in der Hand hatte und hier den Wichtigtuer mimte, der ihm gegenüber das Sagen hätte. Leider war es im Moment so.
»Auf dem Hof reden wir, nicht im Club.«
»Du willst tatsächlich weiter bestimmen?« Lee lachte, und Noah verzog genervt den Mund.
»Wenn Noah das will, regelt alles dort … Ich geh einen Happen essen.« Robby schien die Angelegenheit immer mehr Unbehagen zu bereiten.
»Und ich muss mit Jochen noch über eine Bestellung sprechen«, verabschiedete sich Marc mit einem finsteren Seitenblick zum Dealer.
Lees Gesicht war dicht zu Noah geneigt, als er vom Hocker gerutscht war, sodass Noah das Bier im Atem riechen konnte. »Dann komm!«, raunte er, griff Noahs Arm und zog ihn zum Gang.
»Nimm deine Drecksfinger weg«, zischte Noah und funkelte Lee warnend an. Der Dealer ließ ihn sofort los und lachte. »Oh, schon gut, Kumpel, ich will dich nicht verärgern.«
Sie drängelten sich durch die Menschenmassen, bis sie den abgetrennten Bereich erreicht hatten. Noah zog den Schlüssel aus der Jeans, schloss die Tür auf und sie durchmaßen den Gang Richtung Fluchttür.
»Hast du das Handy dabei?«, wollte Noah wissen, als sie auf den Hof traten. Es war eisigkalt. Er rieb sich die Hände und weißer Dampf stieg aus seinem Mund.
»Warum sollte ich, bin doch nicht blöd? Aber selbst wenn, würde es dir nicht nützen. Ich habe eine Sicherheitskopie vom Video gemacht und sie auf meinem Rechner gespeichert.«
Noah kniff die Augen zusammen, seine Kiefer mahlten. »Was, verdammt, willst du?« »Zugang zu deinem Club. Robby wird die Einsätze mit zwei meiner Leute übernehmen.«
»Für den Drogenverkauf?«, stieß Noah heraus. »Du willst in meinem Laden deine Scheißdrogen verticken? Du weißt, dass ich den Club dichtmachen kann, wenn das rauskommt.«
»Ich habe einige wichtige Geschäfte zu erledigen, die mich zeitlich in Anspruch nehmen. Daher bin ich großzügig und gebe dir einen Monat Zeit, dich zu entscheiden, sonst ist das Video auf sämtlichen Kanälen online und dann müsstest du den Laden verkaufen, weil du nur noch eine öffentliche Witzfigur bist, über die man sich kaputtlacht, weil dich keiner mehr ernst nehmen wird. Im Club könntest du dich nicht mehr blicken lassen.« Lee beäugte Noah mit schmalen Augen, bevor er noch verbal nachtrat: »Und dein Sohn … Er wird sich für dich schämen, wenn man ihn deinetwegen auslacht, weil du wie ein Lauch auf dem Boden lagst, als wir auf dich eintraten. Du hast wie ein Feigling ausgesehen.«
Noah starrte Lee zornig an. »Das ist eine verfickte Wahl zwischen Pest und Cholera. Du Wichser hast schon lange geplant, mich zu ruinieren, gleich nach Maries Tod, weil mit einem Schlag die lukrative Einnahmequelle versiegt war«, brüllte er.
»Genau. So war es gewesen. Dein Erfolg in Berlin kam mir zu Gute.« Lee grinste hämisch. »Ich wusste, du wirst Robby verprügeln, wenn du ihn beim Dealen erwischst. Ich kenne dich schon ziemlich gut, Noah. Du verlierst bei solchen Dingen ganz schnell die Kontrolle über dich. Lydia zu verklickern, was für ein mieses Schwein du bist, dass du dich ohne besonderen Grund an ihrem Bruder vergriffen hast, war ein Kinderspiel. Für ihren kleinen Robby tut sie alles. Sie ist nun mal seine …« ,Lee hob die Hände und malte mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft, »… große Schwester.«
Für einen Moment herrschte Totenstille auf dem Hof. Aber nach den Worten brannten bei Noah endgültig die Sicherungen durch. Wie ein wildes Tier stieß er einen Schrei aus, sprang auf Lee zu und krallte seine Finger in dessen Lederjacke. Von den nächsten Sekunden bekam Noah nichts mehr mit. Er spürte keinen Schmerz, als er sich über Lee gekniet wiederfand und ihn mit den Fäusten bearbeitete. Plötzlich waren Bilder vom verwaisten Club vor seinem inneren Auge aufgetaucht, wie er ein Verkaufsschild aufstellte, die Eingangstür mit Holzlatten zugenagelt war.
Lees Gesicht war eine groteske Maske, von den Schlägen schwer gezeichnet. Das Schwein röchelte, spukte und hustete Schleim vermischt mit Blut. Trotzdem kam es Noah vor, als ob die blutverschmierte Fresse ununterbrochen über ihn höhnte. Noahs Fingerknöchel waren aufgeplatzt, er bebte, brüllte, aber Lees hässliche Lachen, das wie irre in seinem Hirn dröhnte, hörte nicht auf.
Die Eisentür quietschte, scheppernd krachte sie zu.
»Schluss, Noah, du bringst ihn noch um!«, schrie Marc und kam auf ihn zugestürzt, Robby im Schlepptau, wie Noah aus dem Augenwinkel wahrnahm.
»Sag, dass er aufhören soll! Er schlägt ihn noch tot!«, flehte Lees Dealerkumpane. Die Faust in der Luft stoppte Noah.
Hasserfüllt blickte er auf Lee, der unter ihm lag und die Hände auf die Nase drückte. »Du Mistkerl … ha … hast mir schon wieder die … Nase gebrochen«, stammelte der heulend.
»Quatsch keinen Scheiß, da hat nichts geknackt.« So eine Memme. Keuchend kletterte Noah von Lee herunter und hockte sich neben ihn. Er kramte in dessen Hosentaschen, aber das Schwein hatte die Wahrheit gesagt und sein Handy nicht dabei. »Egal, was du vor hast, aber deine Scheißdrogen wirst du in meinem Laden nicht verticken, damit das klar ist, du widerlicher Wichser!«
Noah erhob sich, trat mit finsterer Miene auf Robby zu und stieß ihm den Finger in die Brust. »Wenn ich dich noch einmal hier sehe, bist du fällig, Arschloch!« Dann holte er aus und seine Faust streckte auch Robby nieder, der ohne Gegenwehr zusammensackte und sein Gesicht zwischen den Armen verbarg. Noah schüttelte den Kopf über so viel Schwäche. Kleine Pussy, fiel ihm zu dem Idioten nur ein.
Noah warf einen angewiderten Blick auf die beiden Kerle, die vor ihm auf den Boden lagen. Lee versuchte, aufzustehen, aber er war zu entkräftet und sank auf den Rücken zurück. »Einen Monat, Noah, dann … will ich … deine Antwort«, presste der Kerl zwischen den Lippen hervor.
»Fick dich«, zischte Noah und zeigte ihm den Mittelfinger, bevor er mit Marc den Hof verließ und in den Club zurückkehrte.
Obwohl er noch vor wenigen Minuten nicht vorhatte, sich heute wieder zu betrinken, wusste er, dass er diese Nacht nicht nüchtern nach Hause fahren würde. Und selbst Marc, der an der Bar neben ihm saß und versuchte, ihn erst mit weichen und später mit harten Worten von dem Vorhaben abzubringen, hatte keine Chance.

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Wunschkapitel Teil 2 - Abgestimmt auf Snipsl

Das ist das Wunschkapitel, über das ihr mehrheitlich abgestimmt habt.

Wie will Noah Lees Erpressung entgehen?

»Ich koche uns einen Kaffee.« Marc öffnete den Hängeschrank, holte zwei Tassen heraus und stellte sie vor die Kaffeemaschine, bevor er mit Pulver und Wasser hantierte und das Gerät einschaltete.
»Willst du nicht wissen, warum ich bei dir aufgekreuzt bin, obwohl wir uns abends sowieso im Club sehen?«, fragte Noah. Er nahm aus dem Seitenfach eine Tüte Milch, stellte sie zu den Tassen und kickte mit dem Ellenbogen die Kühlschranktür zu.
Marc blickte über die Schulter. »Ich höre.«
»Mir ist eine Idee gekommen, wie ich mich aus der Affäre mit Lee ziehen könnte«, erklärte Noah.
Er setzte sich an den Tisch und schaute auf seine Finger, zupfte an der Nagelhaut des rechten Daumens herum.
Noah war es leid, sich von Lee noch länger erpressen zu lassen, die Albträume, die Unsicherheit, nicht zu wissen, wie er mit der Sache weiter umgehen sollte, hatten ihn erschöpft. Es galt, einen Schlussstrich zu ziehen und den Spuk zu beenden. Wenn er den Scheiß für sich zum Abschluss bringen würde, würde es ihm besser gehen, so hoffte er. Unbeschwert mit Emilia zusammen sein, das war sein größter Wunsch. Noah dachte an die letzte Nacht, wie sie unter ihm lag, während er sie mit seinem Schwanz zum Orgasmus gejagt hatte; das war der Wahnsinn. Für diese Momente und die anderen Dinge, die man in einer Beziehung machte, wollte er den Kopf freihaben.
Marc zog die Kanne aus der Kaffeemaschine, hielt inne, ohne einzugießen. Noah hörte ihn tief die Luft einziehen, als er sie wieder in die Maschine schob. »Das ging aber schnell. Was willst du denn tun?«
Wie erwartet, wirkte er ziemlich überrumpelt und klang nicht so, dass er glauben würde, Noah wäre eine grandiose Idee gekommen.
»Ich überschreibe dir den Club. Du zahlst mir eine angemessene Summe, die du aufbringen kannst, ohne dich groß zu verschulden.«
»Den Club …« Marc stützte die Hände auf den Küchenblock. Er blieb regungslos stehen, Noah den Rücken zugewandt. In der Küche herrschte Schweigen.
Plötzlich drehte sich Marc um und schoss auf ihn zu. Noah fuhr zusammen, als Marcs Faust auf den Tisch donnerte.
»Hey, hey, hey, hey!« Noah ruckte mit dem Stuhl zurück und bewegte beschwichtigend die Hände auf und ab. »Ganz ruhig, Alter!«
Marc hatte sich dicht zu ihm geneigt, Speicheltröpfchen trafen Noahs Gesicht, als er von seinem Freund angeschrien wurde: »Sag mal … Das kannst du doch nicht ernsthaft überlegen? Der Club bedeutet dir alles. Mann, du Idiot, dein Herz steckt da drinnen!«
»Herrgott, was soll ich denn sonst tun?«, rief Noah und rieb den Daumen über die Wange, um die Spritzer abzuwischen.
Als er sich vom Platz erhob, sah Marc ihn mit entsetztem Gesichtsausdruck an, seine Augen waren geweitet. »Der Club ist nichts ohne dich. Noah, du bist der Club!«
»Und deshalb hat mich Lee in der Hand.« Noah zuckte mit den Schultern. »Er wird mich nicht mehr erpressen und er wird seine Drogen bei uns nicht verticken. Es würde sonst dich, mich, den Club, unsere Namen, unsere Familien … Dieser verfickte Scheiß würde alles ruinieren, wenn ich einknicke und ihm Zutritt verschaffe, nur um mein Ansehen zu schützen. Ich muss den Laden an dich abtreten und mir woanders eine neue Herausforderung suchen, wo Lee es nicht mitbekommt.«
»Und warum verkaufst du nicht an den Meistbietenden?«
»Weil du genauso hart geschuftet hast wie ich. Du warst ab der ersten Stunde dabei. Er ist auch dein Baby, wir haben den Club gemeinsam zum Erfolg gebracht.«
Was ist sein Problem, uns beiden wäre geholfen?
Marc musste erkennen, dass es Noahs Argumenten nichts entgegenzusetzen gab. »Mensch, Kumpel, das ist doch so, wie ich es sage!«, versuchte Noah eindringlich, den Freund zu überzeugen.
Marc seufzte, während er sich mit der Hand über den Mund fuhr. »Da kann ich dir nicht widersprechen. Du und ich, wir haben eine Menge Zeit und Energie investiert. Aber ich denke, es gibt noch die Möglichkeit, dass ich den Club offiziell besitze und du im Hintergrund bleibst, von zu Hause die Geschäfte erledigst.« Marc lehnte sich gegen den Tisch und verschränkte die Arme vor der Brust, als er Noah ernst ins Gesicht sah. »Wäre das fürs Erste nicht besser, die Dinge so zu regeln?
Irgendwann ist Gras über die Sache gewachsen.«
»Nein, da kennst du Lee schlecht. Er fühlt sich von mir gefickt, weil ich ihm die Nase gebrochen habe und nach Maries Tod kein Geld mehr an ihn zahlte.«
»In gewisser Weise hattest du ihren Drogenkonsum finanziert.«
Durch Marcs Worte kehrte die Erinnerung zurück und Wut stieg in Noah auf. Er spürte, wie das Blut heiß durch seine Adern floss. »Lee hat mich schon damals genötigt. Durch ihn erfuhr ich von Linus, einige Monate vor Maries Tod. Er wollte sie auf den Strich schicken, wenn sie ihre Drogenschulden nicht bezahlt. Wegen der ganzen Scheiße war sie immer zur Monatsmitte pleite, trotz des Unterhalts, den ich ihr regelmäßig überwies.«
»Warum hattest du den Jungen nicht schon früher geholt? Du konntest ihn doch nicht bei ihr lassen?« Marc starrte Noah fassungslos an. Noah hatte ihm nicht alle Details von der Geschichte erzählt.
»Es ging nicht früher.« Noah wandte sich der Kaffeemaschine zu und füllte die Tassen, kippte in seine Milch dazu. Jetzt brauchte er das starke Gebräu. »Marie hatte mich kurz vor ihrem Tod erst als Vater beim Jugendamt angegeben. Die ganze Zeit hielt sie den Kleinen vor mir geheim.« Nicht ohne Grund, dachte Noah, aber darüber würde er nicht sprechen.
»Was gerade passiert, ist eine ekelhafte Sache und du steckst in einer vertrackten Situation.
Trotzdem solltest du nicht alles hinschmeißen. Ich habe die Befürchtung, dass du deine Entscheidung am Ende bereuen wirst, aber dann gäbe es kein Zurück mehr.«
»Das ist doch schließlich mein Scheißleben, über das ich allein bestimme.« Noah schnaufte, nahm die Tasse in die Hand und drehte sich um. Er trank einen Schluck, blickte über den Tassenrand zu Marc.
Der Freund schüttelte den Kopf. »Was glaubst du, wie Emilia über deine Entscheidung denken wird, die du hier so mal schnell triffst … oder Linus … oder Hannah … oder weiß der Scheiß, wer noch? Wären sie begeistert?«, forderte Marc Noah heraus, wedelte mit der Hand. »Überleg doch mal!«
Schulterzuckend leerte Noah die Tasse, drehte Marc wieder den Rücken zu und goss sich nach. Als er die Kanne abgestellt hatte, umklammerte er mit den Fingern die Kante der Arbeitsplatte und starrte vor sich auf den dampfenden Kaffee.
Marc hatte nicht unrecht. Er entschied über sein Leben, ohne vorher mit den Menschen zu sprechen, die von seiner Entscheidung mit betroffen wären. Aber Lee hatte ihm eine Frist gesetzt. Noah fehlte die Zeit, sich in Ruhe mit den Dingen zu befassen.
»Langsam siehst du klarer, so deute ich mal dein Schweigen.«
»Marc, ich muss mich zurückziehen, es geht nicht anders. Aber im Hintergrund bleiben, zu Hause sitzen … Ich liebe es zu sehr, einen Club zu leiten. An einem anderen Ort könnte ich noch einmal durchstarten, wenn ich vorerst für ein paar Monate aus Lees Dunstkreis verschwunden bin.«
Marc strich sich über das kurze Haar, »Ja, logisch, ich verstehe, worum es dir geht. Und ich kann auch nicht garantieren, dass du unbeschadet aus der Geschichte rauskommst, wenn du dich Lees Erpressung widersetzt.« Marcs Miene war anzusehen, dass auch er litt. »Warum muss der Scheiß so ausarten?«
Dass Marc zu begreifen schien, warum ein radikaler Strich gezogen werden musste, beruhigte Noah. Er brauchte seinen Freund, denn ihm vertraute er. Für Noah war Marc wie ein Bruder. Nie würde Marc ihm Honig ums Maul schmieren, stattdessen war er immer ehrlich zu ihm. Und außerdem schätzte Noah, dass Marc in schwierigen Situationen stets für ihn eintrat und dass er sich auf ihn blind verlassen konnte. Aber genauso wusste Marc, dass Noah sich ihm gegenüber nicht anders verhielt. Wenn Marc Probleme hatte, war Noah stets seine erste Anlaufadresse.
»Wie stehst du zu meiner Idee? Übernimmst du den Club und ich agiere die nächsten Monate im Hintergrund, bis der Kauf abgewickelt ist und ich mich entschieden habe, in welche Stadt ich ziehe?« Noah drängte auf eine Antwort. Das Gespräch hatte sich zu sehr in die Länge gezogen. Vermutlich saß Emilia zu Hause und schmollte, dass er einfach abgehauen war.
»Lass uns nicht heute darüber entscheiden. Ich will selbst nachdenken, ob es nicht doch einen anderen Ausweg gibt.«
»Wann? Nächsten Montag oder Dienstag?« Noah sah Marc forschend an. »Ich bin das Wochenende bei meinen Eltern, wie du weißt.«
»Und wann sprichst du mit Emilia?«
»Sie kommt nach Hamburg mit, dort oder wieder zu Hause rede ich mit ihr.«
»Okay«, seufzte Marc und griff um Noah, um sich eine Tasse Kaffee zu nehmen. Er trank und verzog den Mund. »Boah, kalt.«
Noah musste über Marcs Gesicht schmunzeln. Mit verzogenem Mund kippte Marc den Kaffee in die Spüle und drängte Noah beiseite, um sich aus der Kanne nachzufüllen. »Wann beginnt Emilia mit dem Master?«
»Im April.«
»Hier in Berlin nehme ich an?«
»Klar, wo denn sonst?« Noah drehte sich Marc zu und sah ihn verwundert an. »Wieso fragst du?«
»Ich denke, du wirst sie nicht mit einem Wegzug überfallen, während sie dabei ist, ihr Studium zu beenden. So lange wirst du auf alle Fälle in Berlin bleiben, oder?«
»Geht ja nicht anders. Wir haben entschieden, dass sie das Wohnheimzimmer kündigt … Und überhaupt, sie würde auch sonst wichtige Zeit verlieren. Aber ich gehe davon aus, dass sie mich danach begleiten wird. Ich würde zwischenzeitlich alles für den Umzug in eine neue Stadt vorbereiten und mich nach einem geeigneten Laden umschauen. Emilia kann dann später in Ruhe einen guten Job suchen.«
»Du hast sie fest in dein Leben eingeplant. Sie scheint deine zweite große Liebe zu sein … nach Marie.«
»Wie bei dir Melanie nach Jasmin.« Für einen Augenblick huschte ein Schatten über Marcs Gesicht. Er wischte sich hastig über die Augen. Wie bei Noah war die Trennung schmutzig gewesen. Doch im Gegensatz zu ihm mochte Marc über seine Exfreundin keine Sekunde nachdenken, auch wenn die Beziehung nicht lange angedauert hatte. Aber Marc war gekränkt gewesen, weil sie nur an seinem Geld interessiert war. Am Ende bekam er den Laufpass, nachdem das Weib einen alten Sugardaddy kennengelernt hatte.
»Bevor wir anfangen, uns noch gegenseitig die Ohren über unsere Exfrauen vollzujaulen, sollte ich mal lieber gehen. Emilia wird sich wundern, wo ich bleibe.«
»Klar, ich bringe dich zur Tür, obwohl … Du bist ohne Auto und nur in Mantel und dünnen Sportklamotten hier. Es ist besser, ich fahre dich nach Hause.«
Noah sah grinsend an sich herab. »Dein Angebot nehme ich gern an.«
Nachdem Marc sich Brieftasche und Autoschlüssel eingesteckt hatte, verließen sie das Haus.
Es hatte zu schneien angefangen, als sie in das Auto gestiegen waren und Marc seinen BMW in den Straßenverkehr gelenkt hatte. Die Fahrt verlief wortlos, das vorangegangene Gespräch zerrte an beiden, immerhin hatten sie über einen Abschied gesprochen, und sie wohnten nur während Marcs Studium in verschiedenen Städten. Seit der Grundschule waren sie die dicksten Freunde.

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Wunschkapitel Teil 3 - Abgestimmt auf Snipsl

Das ist das Wunschkapitel, über das ihr mehrheitlich abgestimmt habt.

Ein Auszug aus Noahs Vergangenheit, der schon einmal die Antwort darauf gibt, warum Noah nicht nach Hamburg gehen kann, um dort einen neuen Club zu eröffnen

[…]
Die ersten anderthalb Stunden ihrer Sightseeing-Tour waren lustig. Emilia hörte Noah gern zu, als er von früher erzählte. Er zeigte ihr die Schulen, die er besucht hatte, verschiedene Spielplätze, wo er früher oft mit Freunden abhing, die Bank, wo er mit knapp dreizehn Jahren seinen ersten Zungenkuss bekam.
Emilia hatte Bauchschmerzen vor Lachen. Er beichtete ihr, dass er es eklig fand, wie das Mädchen mit ihrer Zunge in seinem Mund herumschlabberte, und er das nur gemacht hatte, damit er ihre kleinen Brüste unter dem Pulli anfassen durfte. Danach wusste er, dass er auf große Titten stand. Küsse mied er zunächst, aber schon nach dem dritten Mädchen mochte er sie wieder.
Doch dann kippte die Stimmung …
Auf dem Weg zum Tattoostudio Maory-Style erzählte Noah von Marie. Er sprach davon, was damals passiert war. Es war aber nicht viel, was er preisgab. Emilia hörte zu, bevor sie ihn zum Erzählten eine Frage stellte.
»Und sie hat die Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau abgebrochen, stattdessen bei Lee gejobbt?« Emilia sah Noah ungläubig an. Sie könnte sich das nicht vorstellen, ohne Studium oder Ausbildung zu sein.
Noah nickte, während er den Blick auf die Straße gerichtet hielt. »Es ging nicht anders. Wir brauchten das Geld für die Miete unserer Wohnung.«
»Sie muss dich sehr geliebt haben, wenn sie dafür die Ausbildung abgebrochen hatte«, fand Emilia.
»Das hatte sie, und ich war ihr dankbar.« Er seufzte, und seine Stimme bekam einen trüben Klang. »Eine grässliche Bruchbude war das … Ein Zimmer, Hinterhof, mehr war finanziell nicht möglich, aber es war unser Zuhause.«
Dann stöhnte Noah und rieb sich den Nacken. »Ich war damals absolut blauäugig, ohne die geringste Ahnung, was im Maori-Style passierte. In dem Laden bin ich ein- und ausgegangen, alle waren so beschissen freundlich. Ich bewunderte Lee. Er hatte mein Vertrauen gewonnen, weil er mir die Tattoos stach, obwohl ich noch nicht volljährig war.« Wütend schlug Noah mit der Hand auf das Lenkrad. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich diesen Wichser vergöttert habe. Nichts habe ich von der Drogenscheiße mitbekommen. Alles lief hinter meinem Rücken ab, und dann war es zu spät und Marie von dem Mist abhängig.«
Für einen Moment schwieg Noah, um den Blinker zu betätigen und abzubiegen. Er drehte die Lüftung etwas herunter, weil es im Auto sehr warm war. Emilia hatte das Gefühl, schwer Luft zu bekommen. Die Geschichte bewegte sie. Emilia verspürte Mitleid mit Noah und Marie.
»Ich habe alles versucht, um sie von dem Teufelszeug wegzubekommen. Wir sind nach Berlin gezogen, es sollte unser Neuanfang sein. Marc kam nach Beendigung seines Studiums nach und wir bauten gemeinsam den Club auf.«
Noah lachte hart auf. »Dass Marie und ich endlich glücklich werden, war ein Trugschluss.« Die Worte klangen bitter. Noah stieß zischend die Luft zwischen den Zähnen aus. »Das war der Scheißteil meiner Vergangenheit«, endete er.
Mit kreisenden Bewegungen streichelte Emilia Noahs Knie. Sie suchte seinen Blick, aber er starrte mit finsterem Gesicht auf die Fahrbahn, als ob er sich auf den Verkehr konzentrieren müsste, dabei waren die Straßen leer. Die meisten Leute hatten sonntags frei und schienen lieber in ihren Wohnungen zu sitzen, statt sich bei der Kälte draußen herumzutreiben.
Emilia hatte gehofft, dass der Ausflug in Noahs Vergangenheit sie und ihn noch ein Stück näher bringen würde, aber im Moment sah das nicht so aus. Noah schien sich in den Erinnerungen verloren zu haben. Also tat sie, was er tat und schwieg. Sie hatte ihr Gesicht dem Seitenfenster zugewandt, betrachtete jeden kahlen Baum, der die Straße säumte, jedes Haus und jedes geschlossene Geschäft, an das sie vorbeikamen.
»Dort ist der verfickte Laden«, sagte Noah einige Minuten später, als er den Volvo auf der gegenüberliegenden Seite vom Maori-Style parkte. »Direkt über dem Tattoostudio wohnt das Arschloch.«
Emilias Augen schweiften über das sanierte Gründerzeithaus. Es war eine alte architekturnische Schönheit. Sie musste feststellen, dass es ein helles, freundlich aussehendes Steinhaus war, mit aufwendig gestalteter Straßenfassade und Stuckornamenten, das nicht erahnen ließ, welches schmutzige Geschäft dort drinnen ablief — die perfekte Tarnung für Lees Drogenhandel. Emilia konnte das nur vermuten und verbat sich, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen.
Außer mit Lee hatte sie keine Erfahrung mit Kriminellen, und die Begegnung mit ihm reichte ihr. Während sie an ihn dachte, verspürte sie ein flaues Gefühl im Magen. Erinnerungen an die Nacht, wo Noah zusammengeschlagen wurde, kamen wieder hoch, und die Schuldgefühle nagten an ihr. Emilia versuchte, sie zu ignorieren und zwang sich, das Haus weiter anzusehen.
Sie schaute zu den braunen Holzfenstern hoch. Die Rollos in Lees Wohnung waren heruntergezogen. Offensichtlich war er nicht zu Hause, wie sie erleichtert feststellte. Nicht, dass Noah noch auf die Idee kam, ihm einen schlagkräftigen Besuch abstatten zu wollen. Zuzutrauen wäre es ihm. Denn Emilia wusste, dass der Schmerz und die Demütigung tief in ihm saßen.
Aber er schien, diese Gedanken nicht zu hegen. Noah sah wie sie zum Haus, aber dann wandte er das Gesicht ab und schloss die Augen. Er holte tief Luft, bevor er sie wieder öffnete.
»Lass uns von hier verschwinden«, sagte er, und ihre Blicke trafen sich. Emilia war erleichtert. Jetzt fühlte sie sich wieder mit ihm verbunden, weil er sie mit den Augen ansah, die ihr verrieten, dass er sie liebte.
»Wo soll ich dich hinfahren, was willst du noch von mir wissen?«, fragte er, als er den Zündschlüssel ins Schloss steckte und den Motor startete. Sofort sprang die Lüftung an. Zwischenzeitlich war es wieder kalt im Auto geworden, doch nun strömte die warme Luft durchs Wageninnere. Emilia hauchte gegen ihre steifen Finger und rieb die Hände aneinander.
»Ich weiß nicht, was du mir noch zu zeigen dachtest«, bemerkte sie und lächelte. »Entscheide selbst.«
»Okay«, sagte Noah gedehnt. Er sah Emilia mit einem heißen Blick an, der ihre Haut prickeln ließ, dass sie reflexartig die Schenkel zusammenpresste, um die Erregung zu unterdrücken, die sie augenblicklich verspürte. »W-wie okay?«, rutscht es aus ihr heraus.
Schmunzelnd neigte sich Noah zu Emilia, nahm eine lange Strähne ihres Haares. Zuerst wickelte es sie sich um den Finger, dann schob er sie hinter ihr Ohr und streichelte mit den Fingerspitzen über Emilias Haut.
»Ich habe eine Idee, wohin wir fahren. Zu den Alsterkanälen. Sie sind zwar beliebt, aber ich kenne ein Fleckchen, wo ich mich immer zurückgezogen habe, wenn ich allein sein wollte. Dort ist es auch im Winter einzigartig. Danach kehren wir zu meinen Eltern zurück, damit wir nicht zu spät nach Hause kommen.«
Emilia schmiegte ihre Wange in Noahs Handfläche. »Ich bin neugierig, wohin du mich bringst«, flüsterte sie, beugte sich vor und bot Noah ihren Mund an. Seine Lippen berührten ihre sanft, als er sie küsste.
Die Fahrt hatte nicht lange gedauert. Irgendwann bogen sie auf einen Weg ab und erreichten einen leeren Platz. Dort hielten sie. Emilia sah sich um. Hier waren sie völlig allein, kein Auto, kein Spaziergänger, trotzdem in der Stadt. Im Frühling musste es hier überall Grün sein. Emilia fand, dass Noah nicht übertrieb. Es war ein stiller, besonderer Ort, der geheimnisvoll wirkte.
Noah zeigte zu einem schmalen Pfad. »Wenn wir dort hinunterlaufen würden, kämen wir ans Alsterufer. Als Kind bin ich dort oft schwimmen gegangen oder habe einfach im Gras gesessen und den Sonnenuntergang beobachtet.«
»Und was machen wir jetzt hier? Willst du mit mir zum Ufer gehen«, wollte Emilia wissen. Draußen ist es mir zu kalt, um einen romantischen Spaziergang zu machen.
Noah schüttelte grinsend den Kopf. Er hatte Emilias ablehnenden Gesichtsausdruck bemerkt und schien ihr anzusehen, dass ihr Enthusiasmus, mit ihm Arm in Arm am Alsterufer entlangzulaufen, sich in Grenzen hielt.
»Nein, ein anderes Mal, kleine Frostbeule«, beruhigte er sie.
Der Fahrersitz ruckte nach hinten und Noah klopfte auf den Schenkel. Er gab Emilia zu verstehen, dass sie sich auf seinen Schoß setzen sollte.
Sie kletterte über die Mittelkonsole zu ihm herüber und schlang die Arme um seinen Hals.
Noah fuhr mit den Fingern durch Emilias Haar, zog ihren Kopf zu sich heran. »Das hier gefällt dir besser«, flüsterte er an ihrem Mund, streifte mit den Lippen über ihr Kinn hinunter zu ihrem Hals. Sie legte ihren Kopf in den Nacken, damit er an ihrer Haut saugen konnte. Leise stöhnte sie, während seine Zungenspitze über ihre Kehle tänzelte. »Ich kann nicht genug von dir bekommen«, raunte Noah zwischen kleinen Küssen, die er wie eine Perlenkette auf ihren Hals verteilte.
»Ich liebe dich«, flüsterte Emilia, nahm Noahs Kopf in ihre Hände und hob sein Gesicht. Dann beugte sie sich herab und schob ihre Zunge in seinen Mund.
»Wir dürfen uns nie trennen. Du machst gleich nach unserer Rückkehr die Kündigung für das Wohnheimzimmer fertig. Ich will dich immer bei mir haben.«, flüsterte Noah, nachdem er sich von Emilias Lippen gelöst hatte.
»Aber …«
»Keine Wiederede. Das machst du.«
»Okay.« Sie neigte sich nach hinten, spürte das Lenkrad in ihren Rücken drücken, als sie auf seine geschwollenen Lippen sah. Ihr Mund war schlagartig trocken geworden. Schmeckte er nicht das Geheimnis, die grässliche Lüge auf meiner Zunge? Soll ich Hamburg jetzt beichten, wo er auch will, dass ich nur noch bei ihm lebe?
Emilia betrachtete Noahs schönes Gesicht, die blauen Augen, die sie liebevoll ansahen. Sie setzte an, öffnete den Mund, aber außer ein krächzender Laut kam nichts über ihre Lippen. Fuck, ich kann’s nicht, ich kann es einfach nicht, dachte sie verzweifelt.
»Was geht in deinem Kopf vor?«, fragte Noah verwundert.
Emilia schluckte schwer. Er sagte nichts dazu, als sie nicht sofort antwortete. »Ich glaube, wir sollten jetzt losfahren, bevor wir uns erkälten«, wich sie mit brüchiger Stimme aus.
Noah schwieg nun selbst einen Moment. »Alles in Ordnung mir dir?« Er blickte sie mit zusammengezogenen Augenbrauen an.
»Ja … Ich dachte gerade daran … Ich hoffe, dass wir uns nie trennen.«
»Ich hoffe es wie du.« Noah lächelte, und Emilia fühlte sich noch mieser und hinterhältiger.
Scheiß Geheimnistuerei! Könnte ich doch die Uhr zurückstellen und meine Bewerbung für den Master in Berlin einreichen.
»Eigentlich wollte ich mit dir noch etwas besprechen«, sagte Noah, nachdem Emilia von seinem Schoß geklettert war. »Aber das machen wir in Berlin.«
»Worum geht es?«
»Es hat mit mir und dem Club zu tun, aber ich denke, wir sollten uns kommende Woche in Ruhe darüber unterhalten, nicht jetzt«, wiegelte Noah ab.
»Das sollten wir.« Emilia versuchte ein Lächeln. Vielleicht würde das, was Noah mit ihr bereden wollte, der richtige Anlass sein, um über Hamburg zu sprechen, überlegte sie.
[…]

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Eine Bonusszene zum Valentinstag

Es wird nicht verraten, aus welchem Teil der Trilogie sie stammt.

[…]
»Was ist?«, fragte Noah neugierig, öffnete die Tür und ließ Emilia den Vortritt.
»Hast du die Blicke der anderen Gäste mitbekommen? Wir sehen aus, als ob wir uns verlaufen hätten.«
Emilia drehte sich Noah zu. Ihr Blick schweifte über seinen Körper. Er trug Mode von Dior. Zu einem grauen Business-Hemd hatte er zur Abwechslung eine edle, schwarze Stoffhose angezogen und auf seine Boots verzichtet, stattdessen Schnürhalbschuhe gewählt, ebenfalls schwarz. Besonders gefielen Emilia sein Dreitagebart und die zu einem lässig trendigen Dutt zusammengefassten Haare. Noah sah wie ein berühmtes Männermodel aus. In solchen Momenten wurde ihr seine Schönheit bewusst, die durch den Alltag in den Hintergrund getreten war. Früher hatte sie geschwärmt, was für ein attraktiver Mann er war. Aber mit der Zeit rückte sein Inneres, die tollen Erlebnisse, aber auch gemeisterten Schwierigkeiten, die sie verbanden, in den Vordergrund. Es war der gesamte Mensch Noah, den sie liebte, nicht seine äußere Erscheinung oder sein Geld.
»Ich hatte eher den Eindruck, die Kerle dort hatten dich in deinem sexy Kleid angestarrt.« Noah zog Emilia dicht zu sich heran. Seine Lippen streiften ihre. »Aber du gehörst nur mir, keinem anderen Mann.«
»Soso, nur dir.« Lachend schob Emilia Noah von sich und legte ihre Hand in seine. Sie versuchte, die Situation zu überspielen. Manchmal empfand sie Noahs Bemerkungen besitzergreifend.
»Ist dir das noch nie aufgefallen, wie dich die Typen betrachten?« Noah warf Emilia einen Seitenblick zu, während sie an der belebten Straße standen und unter den vielen Autos nach ihrem Taxi Ausschau hielten. Der Fahrer sollte in einer Stunde wieder hier sein, um sie zum Club zu chauffieren.
»Ich achte nicht darauf, ob mich andere Männer anschauen. Das interessiert mich nicht.«
Als ihr Taxi neben ihnen hielt, fasste Noah Emilias Arm, half ihr beim Einsteigen und schlug die Tür zu. Dann ging er auf die andere Seite. »Ich wette, wenn wir im Boujis sind, muss ich die vielen Kerle abwehren, die sich an dich ranmachen wollen«, sagte er und glitt neben Emilia auf die Rückbank.
»Das denke ich eher nicht«, widersprach Emilia. »Bei deinem bösen Blick traut sich keiner näher als zehn Meter an mich heran.«
»Umso besser. Dann werde ich mir keine Sorgen machen müssen.«
Noah neigte sich zu Emilias Gesicht und sie küssten sich.
»Du musst nicht eifersüchtig sein, Babe. Ich liebe nur dich«, wisperte sie an seinen Lippen, und Noah nickte. »Ich weiß. Und noch heute Nacht beweise ich dir, wie sehr ich dich liebe und dir vertraue.«
»Wie meinst du das?« Aus seinen Worten wurde sie nicht schlau, jedoch spürte sie ein erregendes Kribbeln im Bauch.
Noahs Hand wanderte zwischen ihre Beine. Emilias Blick huschte zum Fahrer, der sich zum Glück auf den Straßenverkehr konzentrierte. Ihr Atem beschleunigte sich, und Noah entging nicht ihre aufkommende Lust. Er lächelte zufrieden, während seine Hand über Emilias Slip strich, sein Daumen gegen ihre Scham drückte. Emilia entfuhr ein Stöhnen, und Noah fuhr mit der Zungenspitze über seine Unterlippe. »Nicht ungeduldig werden, warte ab«, flüsterte er und zog wieder die Hand weg.
Vor dem Boujis tummelte sich eine riesige Schar Menschen, die darauf hoffte, eingelassen zu werden.
Emilia beobachtete das Geschehen, während Noah den Taxifahrer bezahlte. »Bereit, dich an den Leuten vorbeizudrängeln?«, fragte er und drückte Emilias Knie.
»Bin ich.« Emilia kannte den Andrang von Noahs Club, aber heute würde das ein komisches Gefühl sein, zwischen den vielen Wartenden durchzugehen. Einige Fotografen standen am Eingang und schienen zu hoffen, ein berühmtes Gesicht zu erhaschen.
Noah stieg als Erster aus, umrundete das Taxi und reichte Emilia die Hand, damit sie ihm folgte. Dann überquerten sie die Straße und gingen zum Clubeingang.
Mit unbeweglicher Miene, ohne ein Wort zu sagen, gab der Türsteher den Weg frei, nachdem Noah ihm seinen Namen genannt hatte. Als ihnen die Tür geöffnet wurde, hörte Emilia ein plötzlich lautes Stimmengewirr hinter sich, das sie an das lebhafte Schilpen von Spatzen erinnerte. Eindeutig wären die Wartenden gern an ihrer Stelle gewesen und eingelassen worden.
Der Club von Noah war beeindruckend, aber was Emilia hier zu sehen bekam, war eine andere Größe. Der riesige Raum war in blaues Licht getaucht, die Bar reichte über eine gesamte Wandlänge, und von überall dröhnte Musik.
Noah und Emilia wurden von einer dunkelhaarigen Schönheit durch den überfüllten Raum die Treppe hinaufgeführt, wo für sie ein Platz auf einer Ledercouch reserviert war. Langstielige Gläser und ein mit Eiswürfeln und Champagner gefüllter Kübel standen für sie auf dem quaderförmigen Tisch bereit. Noah zahlte mit zwei großen Scheinen, dass Emilia sich vor Schreck an der eigenen Spucke verschluckte und husten musste. Schmunzelnd strich er ihr besänftigend über den Rücken, ohne dazu einen Kommentar von sich zu geben. Die Clubangestellte steckte das Geld mit unbeteiligter Miene in ihre schwarze Kellnerbörse, wünschte viel Vergnügen und einen erlebnisreichen Aufenthalt, dann stöckelte sie auf ihren High Heels zur Treppe zurück.
Emilia rutsche auf der Couch durch, legte die silberne Clutch neben sich und blickte zu Noah hoch, der seine Brieftasche in die Hose schob, bevor er sich zu ihr setzte. Er beugte sich vor, um die Flasche Champagner aus dem Kübel zu nehmen und sie zu öffnen.
»Auf eine unvergessliche Nacht!« Noah reichte ihr ein volles Glas. Nachdem sie angestoßen hatten, trank Emilia einen Schluck. Dabei sinnierte sie, dass sie noch nie so viel Champagner getrunken hatte wie heute. Das letzte Mal war mit Lee auf der Halloweenparty im vergangenen Jahr, aber daran wollte sie sich nicht mehr erinnern.
Noah stellte ihre Gläser ab und neigte sein Gesicht zu Emilia. Mit der Hand glitt er unter ihr Haar, massierte mit den Fingerspitzen Emilias Nacken. »Wie findest du den Club?«
»Ehrlich?« Emilia sah zu ihm hoch. Als er die Hand sinken ließ, lehnte sie ihren Kopf gegen seine Schulter.
»Ja, ehrlich.«
»Protzig, aber irgendwie auch schön.«
»Ja, so kann man den Laden beschreiben.« Noah lachte und zog sie enger an sich.
Einige Minuten später hatten sie das zweite Glas getrunken und Emilia bekam Lust, sich zu bewegen, statt länger auf der Couch zu sitzen. Sie sah zu Noah, der die Leute um sich herum musterte. Ob er Lust hat, mit mir zu tanzen? In seinem Club hatte sie ihn noch nie auf der Tanzfläche gesehen. Aber da sie zwei Gläser Champagner getrunken hatten, war er vielleicht locker drauf und würde ihr den Wunsch erfüllen.
»Tanzen wir?«, fragte Emilia ohne Umschweife.
»Was?« Noah starrte sie an. Kichernd schlug sie die Hand vor den Mund, sein erschrockenes Gesicht sah zu lustig aus.
»Eigentlich tanze ich nicht«, sagte Noah.
»Hey, dafür sind wir doch hierher gekommen?« Emilia zog einen Schmollmund. »Bitte, nur eine klitzekleine Runde.«
Noah rieb sich das Kinn. Wenn er von etwas begeistert war, setzte er eine andere Miene auf, diese wirkte gerade gequält. »Ich kann nicht tanzen. Können wir das lassen?«
Mit lasziven Augenaufschlag beugte sich Emilia zu ihm. Sie dachte an ihr Gespräch mit Josi. »Wenn du mit mir tanzt, habe ich nachher eine Überraschung für dich.« Um ihn neugierig zu machen, strich ihre Zungenspitze an seinem Kinn entlang und sie führte die Hand zu seinen Schritt. Noah atmete tief aus, ihr Angebot schien verlockend zu sein. »Okay, überredet.«
Das ging ja einfach, dachte Emilia amüsiert.
»Dir ist schon klar, dass ich mich unten zum Affen mache, wenn ich mich mit meinen langen Armen und Beinen ungelenk auf dem Parkett bewege«, erklärte Noah und stand auf.
»Das ist mir egal, Hauptsache, wir haben Spaß«, erwiderte Emilia und zeigte auf die Clutch. »Kann ich die hier liegenlassen?«
Noah zuckte mit den Schultern. »Dein Portemonnaie, Handy und Pass liegen im Safe, deinen Perso habe ich, also lass sie hier. So weit ich Bescheid weiß, wird in diesem Laden nichts geklaut.« Er deutete zur Nachbarcouch, wo die Besitzerin ebenfalls ihre Handtasche zurückgelassen hatte. »Scheint hier kein Problem zu sein.«
»Gut, gehen wir runter.« Emilia strich ihr schiefergraues Kleid glatt, prüfte den Opalanhänger der Kette, ob er mittig saß, und folgte Noah zur Treppe. Sie freute sich, dass er seine Bedenken über Bord geworfen hatte und sie endlich auf die Tanzfläche begleitete.
Schnell bemerkte Emilia, dass Noah sein Licht ganz schön unterm Scheffel gestellt hatte. Von wegen, er könnte nicht tanzen! Der Anschein lag nahe, dass Noah keine Lust hatte, sich nach der Chartmusik zu bewegen. Immerhin hörte er privat nur Heavy Metal.
»Und, gehts dir gut?«, schrie Emilia ihm lachend zu, bemüht, über die lautstarke Musik hinwegzurufen.
Noah bewegte die Hüften, hielt eine Hand leicht an Emilias Taille. Sein Rhythmusgefühl war perfekt. »Macht mehr Spaß, als ich gedacht hätte«, rief er ihr zu, deutete mit dem Kopf zur Bar. »Trotzdem könnte ich eine Pause gebrauchen. Bestellen wir uns was zu trinken?«
»O ja, auf einen Gin Tonic hätte ich Appetit«, erklärte Emilia und folgte Noah. Bei der Barkeeperin bestellte er für sie ihren gewünschten Drink und für sich ein Bier.
Die Frau hinter der Bar bediente flink. Bald reichte sie Emilia den Gin Tonic und Noah seine Bierflasche. Das Eis klirrte in Emilias Glas, als sie anstießen.
»Schmeckt’s«, erkundigte sich Noah und setzte die Flasche an die Lippen.
»Wunderbar«, erwiderte Emilia und dachte, dass Noah verdammt sexy aussah, wenn er so lässig das Bier trank.
Fragend zog er eine Augenbraue hoch. »Woran denkst du?«
Wenn Emilia nüchtern wäre, hätte sie sich die wahre Antwort vielleicht verkniffen, aber der Alkohol machte sie mutig. »Du bist der heißeste Mann in diesem Club.«
»Bin ich das?« Noahs Augen funkelten. »Willst du mit dem heißesten Mann noch eine Runde tanzen?« Der Alkohol hatte auch ihn die Hemmungen genommen, dass es ihm nichts mehr ausmachte, sich nach der Musik ausgelassen zu bewegen.
Emilia stellte das geleerte Glas auf die Theke und presste sich an Noah. Die Arme um seinen Nacken geschlungen, küsste sie ihn. »Das will ich, aber danach fahren wir zum Hotel … Du sollst noch deine Überraschung empfangen.«
Nach den nächsten drei Titeln wurde ein langsamer, erotischer Song gespielt. Nun zeigte sich die Wirkung des Alkohols in ihren Köpfen. Sie bewegten sich langsamer, Noah hinten an Emilia gedrängt. Seine Lippen strichen über ihren Hals, seine Hände lagen auf ihren Oberschenkeln, während sich ihre Hüften im Einklang wiegten. Emilia hatte die Augen geschlossen, genoss die Wärme von Noahs Körper. »Lass uns verschwinden«, hörte sie seine vor Erregung raue Stimme.
»Ja, verschwinden«, flüsterte sie, öffnete die Augen und drehte sich zu ihm um.
Bevor sie die Tanzfläche verließen, blickte Noah Emilia tief in die Augen. Seine Pupillen waren geweitet, als er den Mund auf ihren presste und seine Zunge sich zwischen ihre Lippen schob.
[…]

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Impressum - Leseproben

Erste Auflage 2019
Copyright © 2019 by Jenna Stean
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Die Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten zu jedweden Personen sind rein zufällig.

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